"Örtliche, historische und moralische Zurechtfindung"

Willkommen auf dem

 "Lindenbergplatz" 

 in Bruchhausen-Vilsen !                                                                                                                          

 

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Vorwort zum "Lindenbergplatz"                                                5. April 2020


Die Idee dieser Internetseite ist, einen Bezug zur eigenen familiären Vergangenheit während der NS-Zeit herzustellen. Nicht erst irgendwo „da draußen“ wurden die Juden vernichtet, sondern es begann hier in unserem Ort mit den ersten Schritten der Distanzierung und Ausgrenzung. Die Sprachlosigkeit über das Thema, um nicht von Tabuisierung zu reden, verhindert auch heute über diese Verantwortung zu sprechen. Nicht alle waren Nazis, nicht alle haben die jüdischen Familien drangsaliert. Die Meisten haben weggeschaut in ihrer sozialisierten Obrigkeitshörigkeit oder haben sich ihrem latenten Antisemitismus hingegeben.    Die "NS-Besoffenen", die Meinungsmacher im Ort, haben die Linie vorgegeben und dagegen konnte man sich nur selber ausgrenzen, wenn man das Wort erhob.             Die Mär, dass man sofort an die Wand gestellt worden wäre, welche ich immer noch im Ohr habe, wenn man auf das Thema Widerstand zu sprechen kam, hat Hermann Bornbusch widerlegt.

Das heißt, man konnte zumindest passiven Widerstand leisten. Sich an seine eigene Menschlichkeit und Vernunft erinnern. Das ist auch geschehen, wenn auch nur durch Einzelne. Nur dadurch, dass man später nicht mehr darüber sprechen konnte oder durfte, weil damit hätte man jene Gemeindemitglieder desavouiert, die geschwiegen haben und keine Aufklärung akzeptiert hätten, wurden auch die ehemalig verblendeten Naziakteure in Ruhe gelassen. Sie hatten weiterhin Einfluss und konnten agieren, ohne auf ihre Verantwortung angesprochen zu werden.                      Vielleicht wirkte dieser Geist sogar bis 2005 nach, als man eine erste Anfrage wegen einer Stolpersteinverlegung noch ablehnte.                                                                       Es waren nicht alles Nazis im Ort, aber alle lebten in BV. Täter, Opfer, Widerständler, nach diesen Kategorien frage ich. Fragen wir danach … in unseren eigenen Familien. Schauen wir nach, ob es Unterlagen und Hinweise dazu gibt.                                         Es geht nicht in erster Linie um die Schuld unserer Vorfahren, es geht um uns, wie wir mit der Verantwortung dazu umgehen.                                                                     Viele der Geschichten und Gefühle sind noch da, weitergegeben an die Kinder und Kindeskinder. Diese Seite will dazu beitragen, mit dem Fragen zu beginnen und die Antworten aufzuschreiben, um zu verstehen und zu fühlen, in Handlung zu kommen. Für die eigene Psychohygiene und unsere Verantwortung in dieser Zeit.

Auch eine kritische Erinnerungskultur steht vor dem Dilemma, dass Erinnern ohne
Konsequenzen zur Farce verkommen kann. Im Idealfall werden aus dem Erinnern Konsequenzen für die Gegenwart gezogen. Aber Jede/r muss sie für sich selbst ziehen, eine Vorgabe läuft immer Gefahr, Gewalttaten, Opfer und die Erinnerung daran zu instrumentalisieren. Beim Erinnern kommt es auf einen kritischen und selbstreflektierenden Umgang an. Susan Sontag: »Vielleicht wird der Erinnerung zu viel Wert beigemessen und dem Denken nicht genug.«
(A)

Die Initiative zum Lindenbergplatz möchte Fragen ermöglichen, die durch die Stolpersteine als Antwort verborgen bleiben.

Wenn Sie anfangen, sich für das Thema zu interessieren, dann sind Sie herzlich eingeladen, das Projekt Lindenbergplatz zu unterstützen.

KPK

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Das Narrativ einer tatsächlichen Aufarbeitung des Holocaust ist nichts weniger als „die größte Lüge der Bundesrepublik“. Hier das Gedenken im öffentlichen Raum, dort die Leugnung im Privaten. (Samuel Salzborn)(B)

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SICH NEU ERINNERN.                                                                    4. April 2020

 

Weil die Bejahung der Herrschaft auf der Bejahung des Systems als solchem beruht, wird der Antisemitismus vom Mitläufertum hingenommen, ohne hinterfragt zu werden. Im Gegensatz zur Aufklärung liegt die Verantwortung nicht mehr beim Individuum, sondern ist an die Herrschenden abgetreten. „Was der Einzelne jeweils tun soll, braucht er sich nicht erst mehr in einer schmerzhaften inneren Dialektik von Gewissen, Selbsterhaltung und Trieben abzuringen.“ [1]

In Bruchhausen-Vilsen ist die im Juni 2019 erfolgte Platzbenennung, nach einem Profiteur aus der NS-Arisierungszeit vor dem ehemaligen Lindenbergschen Haus, vom Fleckenrat am 19.2.20 wieder zurückgenommen worden.

Damit ist der Weg frei für eine Namensgebung, die historisch und moralisch den Bogen spannt zwischen Schuld und Verantwortung, Ausgrenzung und Teilhabe. Hin zur Wahrnehmung unserer gemeinsamen, wenn auch immer wieder von Gewalt geprägten, christlich-jüdischen Geschichte.

Vor 75 Jahren, am 7. April 1945, war der Krieg für die Menschen in Bruchhausen-Vilsen beendet. Aus einem Bericht der VIII Kings Royal Irish Hussars geht hervor, dass diese gegen Mittag den Ort eingenommen haben. Die Briten rückten über die B6 von Süden her vor und schossen mehrfach in den Ort, bis man sich zu einer bedingungslosen Übergabe entschloss.

Aber viel wesentlicher für den Ort war, dass damit auch der Terror des NS-Staates beendet war. Der Terror durch die den SA- und SS- Gruppen angehörenden Bruchhausen-Vilsener war zu Ende, auch die Polizei hatte keine Autorität mehr. Mein Vater, Johann Peter Klauner, der als Gendarm im August 1944 nach BV versetzt wurde und damit sichtbarer Vertreter des NS-Staates war, wurde bereits einen Tag zuvor nach Lübeck, in das noch unbesetzte Schleswig-Holstein abgezogen.

„1000 Jahre“ zuvor: Bei den Reichstagswahlen vom 5.3.1933 im Landkreis Grafschaft Hoya erhalten die NSDAP 60% und die DNVP (Kampffront Scharz-Weiß-Rot) 16,6%. Nach deren Selbstauflösung im Mai 1933 schlossen sich ihre Abgeordneten der NSDAP an. Zum Vergleich, SPD wurden von ca. 9% gewählt und die KPD von ca. 3% der abgegebenen gültigen Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei 89,2%. 1933 waren 174 Juden im Landkreis gemeldet.[2]

1936 lebten in Vilsen diese jüdischen Familien: (benannt nach dem männlichen Haushaltsvorstand) Max Hanau, Viehhdl., Bahnhofstr. 71, heute Hustedt; Emil Lindenberg, Dentist, Engelbergplatz 48, ehemals Assling; Hugo Lindenberg, Kfm., Bahnhofstraße 65, ehemals Grigat; Richard Lindenberg, Arb., Bahnhofstr. 63, ehemals Bullenkamp, heute Rodekohr; Georg Salomon, Kfm., Bahnhofstr. 63., ehemals Bullenkamp, heute Rodekohr; 1940 werden im Namensverzeichnis von BV nur noch die Familie Emil Lindenberg und Frau Friederike Meyer geführt. (2a)

An NS-Präsens war vertreten mit der NSDAP, durch Herman Kuhlencord als Ortsgruppenleiter, Deutsche Arbeitsfront (DAF) durch Ortsobmann Hermann Bormann, „Kraft durch Freude“ durch Ortswart Wilhelm Gruß; NS-Frauenschaft Mimi Schröder, NSKK Heinrich Ehlers, Uenzen; Hitler Jugend (HJ) durch Dieter Witte; Deutsches Jungvolk mit Fritz Fricke; Bund Deutscher Mädel mit Annemarie Schumacher; Jung-Mädel durch Rosemarie Schulz und NSKDB, was wohl NS-Kriegsdienstbeschädigte hieß, mit dem Kameradschaftsführer Schröder mit Stellvertreter Meins und NSB deren Leiterin Meta Wrede war.(2b)

Also reichlich NS-Engagierte im Ort. Hinzu kamen noch die Angehörigen der SA und SS und viele Parteigenossen.

Nicht zu vergessen die Gemeinderatsmitglieder. Z. B. von 1941: Beigeordnete          C. Matthies, H. Schwecke; Gemeinderäte H. Kuhlencord, H. Voß, H. Rabens, H. Hoppe, W. Wolters und C. Ehlers. Mitglieder des Schulvorstandes: R. Soltau, W. Wöldecke, H. Bormann, J. Hoyer.                                                                                       Karl Sandvoß schreibt: Alle Mitglieder des Gemeinderats, auch diejenigen die nicht der N.S.D.A.P. oder einer ihrer Gliederungen angehörten, bedurften der Zustimmung der Partei bevor sie ihr Amt antreten durften. Wörtlich heißt es in einem Schreiben des Landrats an die Gemeinde Homfeld: Nach § 41 Abs. 2 des Gemeindeverfassungsgesetzes vom 15.12.1933 erfolgt die Berufung der Gemeinderäte durch die Aufsichtsbehörde auf Vorschlag der N.S.D.A.P. Der oberste örtliche Leiter der N.S.D.A.P. und der rangälteste Führer der Sturmabteilung oder der Schutzstaffeln der N.S.D.A.P. werden auf die Dauer ihres Amtes, die übrigen Gemeinderäte auf die Dauer von 6 Jahren berufen. Von diesen scheidet alle 2 Jahre ein Drittel aus.

Haben mit Kriegsende aber auch die totalitären Einflussstrukturen der Nazis in BV an Kraft verloren, oder haben diese weiterhin gewirkt? Dieser Frage nachzugehen, bedarf einer konsequenten, interessierten Haltung, bzw. es braucht einen Sinn für Gerechtigkeit.

Z.B. der Bürgermeister Heinrich Schirmer wurde zwar direkt 1945 aus dem Amt entfernt, aber innerhalb der Gemeinde war er nach wie vor präsent. H.S. genoss weiterhin Vertrauen und Anerkennung in den Jahren danach und war auch als Streitschlichter tätig. Wer hätte sich da getraut, offen Kritik an den gerade noch machtausübenden Nazivertretern auszusprechen und sich damit der Ausgrenzung auszusetzen. Als Nestbeschmutzer bezeichnet zu werden, wäre wohl eher eine der harmloseren Konsequenzen gewesen.

Auch die Briten als Besatzungsmacht hatten kein Interesse an Unruhen und waren deshalb auf Kontinuität bedacht. In den Kriegsgefangenenlagern ging das sogar soweit, dass die alten Wehrmachtsstrukturen beibehalten wurden. Die neue Politik versuchte die alten Nazis einzubinden. Gemeinsam mit den Westmächten wurde der alte neue Feind „Russland“ zum ordnenden Faktor. Das neue Recht wurde von alten Nazirichtern vollstreckt, die sich dreist in den juristischen Strukturen wieder eingenistet hatten, unter Aufsicht der Alliierten. Die Bundesrepublik sollte zum Bollwerk gegen den Kommunismus werden. Ohne das Engagement von Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer in den 50er und 60er Jahren hätten wir von den Gräueltaten der SS und Wehrmacht im Osten nur wenig erfahren und es hätte kaum Verurteilungen gegeben. Er hat den Begriff „Unrechtsstaat“ geprägt und wollte diesen zu seiner Zeit nur auf Nazi-Deutschland angewandt wissen.[3]

Alle waren nach der Befreiung mit sich beschäftigt. Hinzu kam für viele Familien auch die Trauer und Sorge um ihre gefallenen oder vermissten Familienangehörigen. Wer hätte da noch Empathie für die Verfolgten und Ermordeten des NS-Regimes aufbringen wollen?                                                                                                               Nur die wenigsten wären zu Kritik überhaupt in der Lage gewesen, sicher nicht jene, die sich aktiv beteiligt hatten, auch nicht die meisten anderen, die geschwiegen und weggeguckt hatten. Viele betrachteten sich zu der Zeit eher als Opfer, sich selbst und Deutschland. Dass all diese furchtbaren Umstände, unter denen sie 1945 zu leiden hatten, letztlich Folge der NS-Politik mit ihren Eroberungskriegen und Massenmorden war, dämmerte den meisten erst später – und manchen Zeitgenossen nie.                                                                                                              Vielen wurde erst bewusst, was sich da „draußen“ abgespielt haben musste, als die Flüchtlingstrecks aus dem Osten kamen, denen manche nicht glauben und keine Empathie entgegenbringen wollten.

Nur die bis zu 500 Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter in den Jahren zuvor zeigten deutlich, dass sich der Ort dann doch nicht ganz „hinter dem Mond“ der Kriegsrealität befand.                                                                                                                 Wenn die Wahrheit das Erste ist, was im Krieg stirbt, dann ist die Beziehungsfähigkeit das Zweite, welche durch solch ein Trauma beschädigt wird, und das macht Erinnerung so mühevoll.

Wieviel Sprachlosigkeit hat sich transgenerational davon bis heute fortgesetzt?

Es gab aber durchaus auch nicht-nazikonforme Einwohner, so wie Hermann Bornbusch. Er hatte sein Parteibuch schon vor 1933 zurückgegeben und noch „mit Juden verkehrt“. Wie mit den Lindenbergs, was ihm während der NS-Zeit Einbußen in seinen Aufträgen als Schlossermeister einbrachte. Auch hat er seine Lehrtätigkeit an den Kreisberufsschulen des Kreises Grafschaft Hoya verloren.

Im September 1937 teilt die Kreisleitung der NSDAP in Bassum dem Landrat in Syke mit, dass der  Landesbauinspektor (Ernst) Franke aus Bruchhausen-Vilsen seine Aufträge nur Schlosser Bornbusch erteilt. Der Landrat soll „doch bitteschön den Franke anweisen, bei Auftragsvergabe auch den alten verdienten Pg. Schlossermeister Dietrich Alfke zu berücksichtigen“.                                                                Am 1.10.`37 folgt die Aufforderung, „dem Schlosser Bornbusch keine Aufträge mehr zu erteilen“. Das war nicht mal von der NSDAP-Kreisleitung gefordert. (Bornbusch, Archiv BV)

Oder Friedrich Schwecke aus Bruchhausen, der Großvater von Wilfriede Wienbergen, der die Fam. Lindenberg heimlich mit Fleisch versorgte, das diese auch an die anderen jüdischen Familien weitergaben, die sich noch bis 1938 im Ort aufhielten. Friedrich war gelernter Schlachter. Nachdem er den kleinen elterlichen Hof übernommen hatte, arbeitete er gelegentlich des nachts als Hausschlachter. So kam er immer wieder an Fleisch, das er in seinen Rucksack packte und in voller Metzgermontur hinten über den Marktplatz direkt hoch zum Engelbergplatz brachte und damit ungesehen im Haus von Lindenbergs verschwand.                                  Seine Montur war Tarnung und Schutz zugleich, niemand traute sich ihn aufzuhalten, mit den am Gürtel baumelnden Metzgermessern.

Der 96-jährige Helmut Nordhausen berichtet von einem Vorfall schon sehr früh nach der „Machtergreifung“, als zwei Mitglieder des Vilser SS-Sturms den allseits bekannten Einwohner Heinrich Brüggemann, der beim Amtsgericht Bruchhausen arbeitete, nach einem Gottesdienst am Sonntagmorgen vor der evangelischen Kirche zu Vilsen abpassten und festhielten. Er hatte zuvor seine kritische Einstellung zur NSDAP in einem Artikel aufgeschrieben und veröffentlicht. Sie hängten ihm ein Schild um mit dem Text: „Ich bin ein gemeiner Schmierfink“. So ausstaffiert, trieben die beiden Nazis ihn durch den Ortsteil Vilsen. Ein Tischler und ein Getränkehändler übertreffen sich in ihrer Identifikation mit dem Aufbruch in die „neue Zeit“. Die protestantischen Christen haben weggesehen oder waren vielleicht einfach nur fasziniert davon, dass man sich so etwas erlauben konnte, ohne dass einem der Himmel auf den Kopf fiel oder die Gemeinde protestierte.

In den Jahrhunderten zuvor wurden jüdische Kaufleute als Konkurrenten gesehen, so auch in Vilsen. Durch Intervention des Vilsener Magistrats stimmten 1862 die Bürgervorsteher, die alle Inhaber von Handelsgeschäften waren, gegen die Erteilung einer Konzession an Jacob Schragenheim. Die Begründung war, wie schon 60 Jahre zuvor, dass es im Ort genug Geschäftsleute gäbe.(3a)

Der Zahnarzt Emil Lindenberg lebte Anfang des 20sten Jahrhunderts am Engelbergplatz mit Frau Margarete und den 4 Kindern. Die geliebte Tochter Alice verstirbt 1923, im Alter von 15 Jahren und Werner 1925, der „Stammhalter“ mit 19 Jahren. Von Else, die im Februar 1914 geboren sein soll, gibt es vorerst keine weitere Info.                                                                                                                                  Tochter Gertrud besuchte von 1931 bis 1933 die weiterführende Schule in Hoya. Danach reist sie 16-jährig für 2 Jahre in die USA, vlt. als "Au-pair-Mädchen", was damals noch Hausmädchen hieß, zu der Familie Schaap in New York, die dort für sie "Bezugsperson" ist.  Als sie 1935 zurückkehrt, hat sich die Situation in Deutschland bedeutend verschlechtert und ihr und ihren Eltern wird klar, dass sie hier keine Zukunft mehr haben wird. Sie reist im August 1935 zurück in die USA, so wie das ihre Cousine Liselotte, die Tochter von Richard und Jenny Lindenberg, als „Hausmädchen“ schon 7 Monate zuvor gemacht hatte. Direkt nach ihrer Rückkehr in die USA beantragt sie im Oktober `35 die amerikanische Staatsbürgerschaft, die sie am 1. August 1944 erhält und überlebt dort den Holocaust.

Ab 1933 wurde es eng im Haus der Lindenbergs, eingezwängt zwischen linker Hand dem Ortsgruppenleiter Kuhlencord und rechter Hand einer NS-verblendeten Gastwirtsfamilie, (Wohlers) Meyer.                                                                                                                         Später kommt noch Friederike Meyer hinzu.  

Die mit 84 Jahren älteste jüdische Bürgerin Bruchhausen-Vilsens, Friederike Meyer, geboren am 3.1.1858 in Bruchhausen, muss ihre Wohnung unfreiwillig am 3.1. 1940 in der Bruchhöfener Strasse  aufgeben. 1939 setzt sich immer mehr in der Rechtsprechung die Ansicht durch, dass § 2 MietSchG. zwar der Erhaltung und dem Schutz der Hausgemeinschaft diene, aber Juden nicht Mitglieder der Hausgemeinschaft sein könnten. Wenn sich Juden im Hause aufhielten, so sei dies eine erhebliche Belästigung des Vermieters und damit kündbar.                                  Sie kommt bei Emil und Margarethe Lindenberg am Engelbergplatz unter. Ein Jahr später am 4.2. 1941 zieht sie nach Hannover, von wo aus sie im Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert wird. Sterbedatum dort am 14.11.1942.

Für die jüdischen Familien kam die Befreiung viel zu spät. Die örtlichen NS-Honoratioren hatten 1941 darauf gedrängt, den Ort „judenfrei“ zu machen. Dabei ging es nicht um eine von oben angeordnete Deportation in ein KZ. Nein, man wollte die Juden einfach nur weghaben und verschwinden lassen aus BV.

Das entsprechende Papier, auf dem der Syker SA-Standartenführer Quinkhardt den SA Truppführer und NSDAP Blockleiter Hermann Mennings in Hoya anweist, die Lindenbergs endlich aus Vilsen abzuholen, ist seit dem Sommer 2019 in Hoya nicht mehr auffindbar. Darauf befand sich wahrscheinlich auch ein Hinweis auf den Initiator dieses Wunsches aus Bruchhausen-Vilsen.

Der Archivar Henry Meyer konnte sich noch erinnern, dass dies wohl der zweite Versuch gewesen war sie abzuholen, weil es beim ersten Mal nicht geklappt hatte.

Am 7. November 1941 war es dann soweit, als letzte jüdische Familie wurden Margarete und ihr Mann, der Zahnarzt Emil Lindenberg abgeholt, von  SA-Leuten mit Lastwagen nach Hoya in den Kuhkamp 4 gebracht. Die Söhne der Nachbarsfamilie prügelten sie zuvor mit Stöcken aus ihrem Haus am Engelbergplatz.                          Ein Augenzeuge erinnert sich noch heute an die entsetzlichen Schreie.

Einen dieser Söhne hatte Gertrud, die Tochter, die in die USA ausreisen konnte, noch auf ihrem Abschiedsfest eingeladen. Er hat das aber abgelehnt, weil sie Jüdin war.                                                                                                                                                  Kurt Assling, ebenfalls Zahnarzt und späterer Bürgermeister, kaufte 4 Tage zuvor, am 3. November `41, das Wohnhaus von Emil und Margarete.[4]  Das Stammhaus an der Bahnhofstraße wurde schon im Oktober 1938 von Heinrich Bullenkamp aufgekauft. Die „Arisierungswelle“ lief auf Hochtouren. Lindenbergs hätten das Geld einige Jahre zuvor gut für einen Sanatoriumsaufenthalt für die erkrankte Margarete gebrauchen können, aber alle Verkaufserlöse landeten zu der Zeit schon auf einem Sperrkonto bei der Sparkasse des Kreises Grafschaft Hoya. Zumindest mussten sie registriert werden, wenn ein Ausreiseantrag gestellt war.

Von dort wurde das Geld durch den NS-Staat geraubt. Die Juden wurden zuerst ausgeplündert, dann wurden sie vertrieben und/oder ermordet.

Am 11. November 1941, nur vier Tage nach der gewaltsamen Entfernung der beiden aus BV, macht sich das Dorf über ihre „bewegliche Habe“ her. Der Gesamterlös der Versteigerung betrug 2003,70 Reichsmark und wurde vom Versteigerer Johann Engelberg auf das Sperrkonto bei der Sparkasse in Vilsen eingezahlt.

„Der Auktionator bekam 10%. Ein lukratives Geschäft mit Gegenständen von Menschen, die teilweise in Arbeitslager verschleppt und später in Vernichtungslagern ermordet wurden“.[5]

Johann Engelberg war Bürgermeister von Vilsen ab 1911. Seit der Zusammenlegung der Ortsteile 1929 vertrat er weiterhin den Ortsteil Vilsen. Der Ortsteil Bruchhausen wurde von Heinrich Schirmer vertreten. Als die NSDAP die Herrschaft über das Land und deren Administrationen übernahm, werden Heinrich Schirmer und Johann Engelberg am 19. April 1933 zu Gemeindevorstehern wiedergewählt. Auf Verfügung des Landrats soll es aber nach dem „ein Land, ein Führer“-Prinzip nur einen Vertreter geben. Am 15. August `33 kommt es erneut zur Wahl, auf der beide gleichviel Ratsstimmen bekamen, sodass einen Monat später nochmal gewählt werden musste.  Zuvor hat Johann Engelberg verzichtet, ein Grund dafür wird im Ratsprotokoll nicht genannt. Er bekommt den Posten als Standesbeamter und arbeitet als staatlich anerkannter Auktionator und Uhrmachermeister. Heinrich Schirmer wurde dann mit 10 Stimmen (2 ungültige) zum gemeinsamen Bürgermeister gewählt. Unterstützung durch die NSDAP war in der Zeit schon hilfreich. Von da an wickelte Johann Engelberg in Auktionen u.a. die Arisierung der Besitztümer der jüdischen Familien ab, zumindest denen von Emil Lindenberg. Damit ist er aktiv im Dienste des NS-Regimes tätig geworden.                                                 Ein weiterer Klärungsbedarf für den Rat, was die Benennung des Engelbergplatzes betrifft. Immerhin sollen dort dann im Juni die Stolpersteine von Margarete und Emil Lindenberg verlegt werden, im Beisein von Nachfahren der Familie Lindenberg. Ein Widerspruch, der dem am ehemaligen Bullenkampplatz kaum nachsteht, an dem die NS-Politik bagatellisiert und die Veranstaltung ad absurdum geführt worden wäre. 

Dabei gäbe es so bedeutende Namen in diesem Ort, wie z.B. David Heinrich Hoppe, Otto Rodekohr, Hermann Bornbusch und natürlich Fam. Lindenberg. Oder doch Centralplatz, so wie der Engelbergplatz wohl bis 1929 hieß, zumindest auf Postkarten.

Warum sollten wir Nachgeborene stillschweigend Übereinkünfte einer Generation übernehmen, die den NS-Terror mitgetragen oder ihm den Weg geebnet hat? Merkwürdig genug, dass der damals hier amtierende Ortsvorsteher einen Platz nach seinem Namen benennen lässt. Auch wenn in diesem Fall drei Bürgermeister-Generationen einer Familie gemeint sein konnten.

Die Versteigerung fand im ehemaligen Appelhofschen Tanzsaal statt, in der Bruchhöfener Straße. Die Liste der Gegenstände des Lindenbergschen Haushaltes, der von Luise Burdorf, einer Freundin der Tochter Gertrud als vornehm beschrieben wird, und deren ErsteigerInnen liegt im BV-Archiv vor.[6]     Viele bekannte Namen darunter, aus dem Ort und der Umgebung. Die Bevölkerung hat von der Judenvertreibung profitiert und allen war damit klar, es kommt niemand mehr zurück. Das macht die Erinnerungsarbeit für die Menschen in BV nicht einfach.

 „Der Holocaust bleibt unverstanden, sofern er nicht als der konsequenteste Massenraubmord der modernen Geschichte analysiert wird.“ Nutznießer seien nicht nur NS-Funktionäre, Banken und Industrielle gewesen, sondern „95 Prozent der Deutschen“.[7]

Ein Jahr zuvor, am 3. September 1940, fand die Eigentumsübergabe eines Teilgrundstücks durch Emil Lindenberg an den Bürgerverein V.V.V. statt - die Wiese, auf der heute die Eisbahn im Wiehebad gebaut ist.                                                       „Der verstorbene Lindenberg war als gebürtiger Vilsener, (…) an dem Wohlergehen seiner Heimatstadt und ihrer Bewohner stets sehr interessiert. Er war ein besonders eifriges Mitglied des V.V.V.. Er beteiligte sich an allen Veranstaltungen und half auch mit Geldmitteln, um eine Hebung seiner Heimatstadt zu fördern. Das Grundstück (…) hat Lindenberg dem V.V.V. zur Vergrösserung der Badeanstalt gegeben. Irgendein Zwang ist dabei auf Lindenberg nicht ausgeübt. Vielmehr entsprang der Entschluss Lindenbergs ganz seinem freien Willen.“ Soweit in Auszügen die Stellungnahme des V.V.V. 1949 vor dem Wiedergutmachungsamt (WgA).[8]                                                 Ob er damit einem Enteignungs-Ansinnen wie in der Gemeinderatssitzung vom 24.11.1938 gefordert, zuvorgekommen ist, wäre möglich, wahrscheinlicher ist wohl, dass er mit Hilfe der Partei überzeugt worden ist. Darauf deutet die Ausgleichszahlung von über 50% plus Anwaltskosten im WgA-Verfahren hin. Im Endergebnis für Lindenberg wohl kein Unterschied, das Geld wanderte auf`s gesperrte Konto. Damit wird deutlich, dass die Ausplünderung auch allgemein in den dörflichen Strukturen mitgetragen wurde. Sicherlich interessant in den alten Vereinsakten nachzuforschen. Der Arbeitskreis Geschichte im V.V.V. unterstützt jetzt die Initiative für einen Lindenbergplatz.                                                                                   Man war blind für die Nöte der flüchtenden Juden, weil man schon vorher blind war für die Diskriminierungen ihnen gegenüber!

Einiges davon wird auch dem Gemeinderat bereits bekannt gewesen sein, der im Frühjahr 2019 von Ulrike Meyer über die Nachforschungen im Rahmen der Stolpersteinverlegung informiert worden ist. Das hatte den Fleckenrat nicht davon abgehalten, den Platz vor dem ehemaligen Lindenbergschen Stammhaus, Bahnhofstrasse 63, im Juni 2019, mit einem Familiennamen zu benennen, dessen Träger von den Gesetzen des NS-Regimes 1938 profitiert hat. Zur „örtlichen Zurechtfindung“, wie der Fleckenbürgermeister Lars Bierfischer formulierte, der sich zugleich für die Stolpersteinverlegung im Ort stark macht. Lindenbergplatz zur „historischen und moralischen Zurechtfindung“ stand nicht zur Debatte. Nur der empörte Einspruch von Bürgern konnte verhindern, dass das Ansehen von BV dadurch beschädigt wurde. Die Rücknahme der Namensgebung entsprang aber keiner politischen Einsicht, sondern der Befürchtung, dass das „tolle Stolpersteinprojekt“ im Juni `20 gefährdet werden könnte. Keine gute Voraussetzung für eine ehrliche Aufarbeitung, egal wieviel Arbeitskreise sich noch damit beschäftigen werden.

Leider hat der Rat den Notausgang gewählt aus der Sackgasse, in die er sich selbst hinein manövriert hatte, anstatt vorne durch die Empfangstür zu gehen, auf der „Lindenbergplatz“ stand. Auch Ulrike Meyer und Tim Schöninger, der Lehrer der StolpersteinAG, konnten sich nicht dazu durchringen die Initiative für einen Lindenbergplatz zu unterstützen.                                                                                       Der Platz und die Stolpersteinverlegung sind zwei Seiten einer Medaille, Moral und Historie gehören zusammen. So formulierte das Erika Müller-Kracke auf der Ratssitzung am 19. Februar 2020.

An der Südseite der Vilser Kirche, kaum 100 Meter entfernt vom ehemaligen Lindenbergschen Haus, ist eine kleine provisorisch wirkende Gedenktafel angebracht, die den „Opfern beider Weltkriege und der national-sozialistischen Gewaltherrschaft“ gewidmet ist. Im weitergehenden Text wird dann der „jüdischen Bürger gedacht, die in den schrecklichen Jahren 1933-1945 gequält, in die Emigration getrieben oder ermordet wurden.“                                                              Diese Tafel hängt außerhalb des Gedenkplatzes, mit den großen Steinplatten für die gefallenen Soldaten des 1. WK und 2. WK, für die Täter, die zu Opfer wurden. Einer der daran Beteiligten: „Das war das Einzige was durchzusetzen war.“

Das wirkt alles sehr unpersönlich, irritierend bis verstörend, wie abgespalten von den „Bürgern des Fleckens“ und ihrer Verantwortung für die Ausgrenzung der jüdischen Familien zwischen `33 und `41. Man kann nur hoffen, dass die Gemeinde wenigstens das verändert, bevor dann die Nachfahren der Überlebenden zur Stolpersteinverlegung in BV eintreffen werden.

Ohne Einsicht und echtes Bemühen um Vergebung bleibt die Frage, ob eine Stolpersteinverlegung dem Anspruch von Aufarbeitung gerecht werden kann.     Auch wenn das Anliegen der StolpersteinAG im Gymnasium ehrlich gemeint ist, frage ich mich, was wir den Kindern noch alles neben der Klimarettung aufhalsen wollen. Bisher fehlt in BV das Engagement der mittleren und älteren Jahrgänge.                                           „Viele Deutsche haben sich derart mit den Opfern identifiziert, dass sie vergäßen, dass sie zum Volk der Täter gehörten“, sagt Oliver von Wrochem, Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme.

Das galt phasenweise auch für mich, als Sohn eines Polizeibeamten, aus Luxemburg stammend, der ab 1941 Mitglied in der NSDAP war, ab 1942 dem NS-Staat und ab August 1945 den englischen Alliierten und anschließend einem demokratischen Deutschland gedient hat. Entnazifiziert und für tragbar befunden, beliebt und geachtet im Dorf, systemübergreifend.

Das Konzept der Stolpersteine lenkt den Blick auf den Holocaust und das bedeutet, jüdisches Leben vom Ende her wahrzunehmen: Den Blickwinkel der „Nichtdazugehörenden“ einzunehmen und sie nicht auf Augenhöhe in die Gemeinschaft zurück zu holen, auf Platz-und Straßennamen.

Wichtig ist, an die Geschichte der jüdischen Familien in Bruchhausen-Vilsen zu erinnern, die seit dem 18. Jahrhundert zu einem lebendigen Gemeinschaftsleben beigetragen haben.

Ein Beispiel hierfür ist Gerson David Lindenberg, geboren 1808 in Vilsen, der als erfolgreicher Geschäftsmann im Leinentuchhandel schon ab 1833 den (bescheidenen) Wohlstand des Ortes befördert hat. Da das Stimmrecht im Ort bis zum 1. Weltkrieg nach dem Steueraufkommen berechnet wurde, hat die Familie maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Ortes Vilsen genommen. Aus einer Notiz von H. Bornbusch geht hervor, dass die Familie mindestens schon 1857 im Besitz des Hauses in der Bahnhofstrasse war. Gerson David war der Großvater von Emil, dem Zahnarzt.                                                                                                                    Helmut Nordhausen beschreibt in seinen Memoiren, dass Emil Lindenberg mit seiner Frau gerne tanzen gegangen ist und seinem Vater als Chef der Kapelle immer 50 Mark zugesteckt und sich dafür das Lied „Barcelona“ gewünscht hat.[9]

Diese beiden ehemals lebenslustigen und vor 1933 hoch anerkannten EinwohnerInnen von Vilsen wurden im Juli 1942 über das Durchgangslager Hannover-Ahlem ins Ghetto-KZ Theresienstadt deportiert, dort getrennt und im gleichen Jahr ermordet.

Seinen Brüdern Richard und Hugo gelingt es noch rechtzeitig aus BV zu flüchten. Ezequil Lindenberg, der Urenkel von Hugo Lindenberg, hat einige Daten dazu ins Internet gestellt.[10]

Ab 1933 werden die erfolgreichen jüdischen Händler als Konkurrenz Schritt für Schritt ausgeschaltet und zur Projektionsfläche für Populisten.

Der Kaufmann Hugo Lindenberg aus Bruchhausen-Vilsen/Niedersachsen bemüht sich seit 1937 um die Ausreise seiner Familie. Es gelingt ihnen, ein Visum nach Argentinien zu organisieren. Hugo mit seiner Frau Meta und den beiden Söhnen Hans Joachim und Günter Siegbert verlassen Deutschland am 3. Juni 1938 von Hamburg aus, mit dem Schiff „General Osorio“. Baron von Hirsch, der die Orient-Expresslinie nach Konstantinopel gebaut und viel Geld damit verdient hat, kauft Land in Südamerika und stellt es jetzt kostengünstig zur Verfügung.[11]

Ein weiteres Beispiel ist die Kaufmannsfamilie Salomon aus Vilsen, Georg und Margarete mit ihren beiden Kindern Edith, geb. 1925 und Inge, geb. 1927. Die Familie musste BV verlassen, da nach dem Verkauf des Lindenbergschen Hauses an Heinrich Bullenkamp im Oktober 1938 ihnen niemand mehr in BV Wohnraum vermieten wollte. In Hoya gerät Georg in den Novemberpogrom von `38 und wird mit 7 weiteren jüdischen Männern aus Hoya in`s KZ Buchenwald in "Schutzhaft" verschleppt.

1925 kam die Familie nach BV, wo sie zuerst ein Schuhgeschäft am Engelbergplatz unterhielt, im späteren Bischoff/Ernst Haus. Von dort zogen sie 1934 in das Lindenbergsche Haus an der Bahnhofstrasse, ebenfalls mit einem Schuhverkauf.

Hermann Bornbusch vermerkt in seinen Aufzeichnungen, dass sie zwei hübsche Mädchen hatten, was ein Bild von 1936 bestätigt. Ursula Karnebogen war eine gute Freundin von Inge und wurde mit ihr gemeinsam eingeschult. Eine Mädchenfreundschaft aus der Brautstraße, die durch die NS-Verhältnisse abrupt beendet wurde.

Die Spuren von Margarete, Edith und Inge Salomon verlieren sich 1942 im Warschauer Ghetto. Georg Salomon überlebt noch in verschiedenen Arbeitslagern bis Anfang1945, dann verliert sich auch seine Spur. (https://stolpersteine-brv.org/engelbergplatz-brautstr-1/engelbergplatz-brautstr-1-familie-salomon/)

Wichtig für uns heute ist, neben dem Gedenken an die Opfer, die NS-Täter und ihre Strategie nicht aus dem Blickfeld zu verlieren. Ihre Motive, ihre Gedankenwelt zu verstehen sind einige der Voraussetzungen, um präventiv handeln zu können. NSU, Walter Lübke, Halle, und Hanau fallen nicht vom Himmel, es ist der sichtbare Hass auf alles, was den rechten Tätern von heute fremd erscheint. Sie kehren ihre innere Verwirrtheit nach außen, projezieren diese auf die jeweilig ausgewählte Minderheit und beginnen damit, sie zu bekämpfen. Gestern Juden, heute Muslime, auch der Hass auf Frauen taucht in dem Zusammenhang immer wieder auf. Am Anfang steht immer Abwertung und Ausgrenzung.

Ein weiterer präventiver Faktor ist die Stärkung des Widerstandsgedanken.

Ein „Lindenbergplatz“ in Bruchhausen-Vilsen ist zur „historischen und moralischen Zurechtfindung“ nicht nur geeignet, sondern ein Zeichen der Wahrnehmung unserer politischen Verantwortung und des Wunsches nach Wiedergutmachung, 75 Jahre nach dem NS-Terror und somit ein dringlicher Schritt hin zur Versöhnung.

Fritz Bauer, der Generalstaatsanwalt, der den Auschwitzprozess und die Euthanasieprozesse möglich machte, wollte sich auf Moral alleine nicht verlassen, er zitierte dazu den Spruch seiner Mutter an ihn: Was Du nicht willst, dass man dir tu`, das füg` auch keinem anderen zu.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Zum Schluss möchte ich betonen, dass es mir in erster Linie nicht um die Schuld unserer Eltern oder Großeltern geht, sondern es geht um uns, wie wir mit dem heutigen Wissen darüber umgehen wollen, mit der für uns daraus entstehenden Verantwortung.

Der Ruf „Nie wieder!“ war nicht allein die Aufforderung, die Täter zu begreifen und der Opfer zu gedenken. Er ist die bleibende Herausforderung, Nein zu sagen, wenn Unrecht geschieht.(Irmtrud Wojak) [12]

Übernehmen wir die Abwehrhaltungen unserer Eltern und Großeltern oder sind wir bereit hinzuschauen und wahrzunehmen und mit den Erkenntnissen konstruktiv umzugehen, auf dem Weg der Aussöhnung - mit der Geschichte der Verfolgten und Ermordeten und unserer Eigenen.

Unsere Eltern und Großeltern haben die jüdischen Familien aus der Gemeinde vertrieben, holen wir sie nicht nur als Tote auf Stolpersteinen wieder zurück in den Ort - beleben wir unsere Straßen und Plätze mit ihren Namen, erinnern wir uns.


Klaus-Peter Klauner 


(A) Larissa Schober, Redakteurin im iz3w, hat zu Erinnerungsarbeit in Post-Konflikt-Gesellschaften geforscht.

(B) Samuel Salzborn, Essay: „Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern", Hentrich&Hentrich, 2020

[1] Max Horkheimer und Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, 7 Elemente des Antisemitismus, Querido, Amsterdam 1947

[2] www.verwaltungsgeschichte.de/hoya.html#ew33bruchvilshoya

(2a) http://www.juedische-geschichte-diepholz.de/13schicksale_nazizeit2.htm

(2b) Die NSDAP und ihre Gliederungen im Kreise Grafschaft Hoya, Archiv BV

[3] Fritz Bauer 1903-1968, Eine Biografie, Dr. Irmtrud Wojak - Buxus Edition

(3a) Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Band 1.

[4] NLA ST Rep. 171 Verden Rückerstattung acc 2009/057 Nr. 369

[5] https://www.tag24.de/nachrichten/tv-leipzig-sachsen-holocaust-film-ard-mdr-dokumentation-ns-juden-moebel-versteigerung-auktion-841571

[6] GemA BVI 09 Familien 20.431.01

[7] Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Fischer, Frankfurt am Main, 2005

[8] NLA ST Rep. 171 Verden Rückerstattung acc. 2009/057 Nr. 357

[9] Helmut Nordhausen, KEIN Schnee VON GESTERN, Bru-Vi, Selbstverlag

[10] https://campus.belgrano.ort.edu.ar/educacionjudia/descargar/repositorioarchivo/85162/Investigacion Flia Lindenberg.pdf

[11] Emil und die Profiteure. Ein Essay zur Erinnerungskultur - zwischen Schuld und Versöhnung, Dez. 2019 KPK

[12] Dr. Irmtrud Wojak, Geschäftsführerin  BUXUS STIFTUNG