"Örtliche, historische und moralische Zurechtfindung"


Reaktionen

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Lieber Herr Klauner,                                                                                                                                 15.4.2020

........ wie kann das Verstehen der Täter/innen und ihrer Motive zur Prävention beitragen? Ihre Motive und die Ursachen hierfür sind fast immer die gleichen, gebrochene Menschen, mit einer entsprechend auf Anpassung getrimmten Kindheit und Geschichte. Das entschuldigt sie nicht, ich sehe sie nicht als Opfer, sie sind Täter und Täterinnen. Aber was macht Menschen stark, was lässt sie widerstehen? Warum ist es so schwer, sich neu zu erinnern!? Ihr Titel und Beitrag eröffnet den Weg für so viele neue Fragen und das ist gut in der jetzigen Situation und mit Blick auf BV. Deshalb würde ich noch einen Gedanken hinzunehmen, nämlich die Stimme der Überlebenden. Sie haben uns als ihr Erbe hinterlassen, dass es selbst unter extremen Bedingungen möglich ist, (mit-)menschlich zu handeln, zu retten und sich nicht anzupassen. Fritz Bauer ist zurückgekehrt, weil er der jungen Generation etwas von diesem Widerstandsgeist vermitteln wollte. Horkheimer kehrte zurück, weil er diejenigen bestärken wollte, die Widerstand geleistet haben, usw. usf.

Worauf ich hinaus möchte ist, dass Prävention durch Bestärkung des Widerstandsgedankens, der immer schon Kampf um des Menschen Rechte war, geleistet würde. Wir sollten mehr erforschen, was Menschen befähigt, Nein zu sagen, wenn Unrecht geschieht und unser Menschsein eigentlich ausmacht.. Die Geschichte der Verfolgten aus BV ist keine Geschichte von Opfern, es sind Menschen, die ums Überleben gekämpft (!) haben, die lange ausgeharrt haben, sich nicht vertreiben ließen, deren Angehörige sogar bereit sind, jetzt zurückzukehren, um sich neu zu erinnern. Das ist ein Zeichen der Versöhnung mit der eigenen Geschichte und sehr viel. Dass dieser Wunsch mit einem Stolperstein für ihr „Opfersein“ noch dazu am verkehrten Ort „geehrt“ wird und nicht auf Augenhöhe, ist traurig und wohl auch kleinlich. Wie werden die Angehörigen der Überlebenden damit umgehen? Sie sind vielleicht froh, dass es wenigstens einen Stolperstein gibt? Aber der Ruf „Nie wieder!“ war nicht allein die Aufforderung, die Täter zu begreifen und der Opfer zu gedenken. Er ist die bleibende Herausforderung, Nein zu sagen, wenn Unrecht geschieht. Wie Sie es auch schreiben, sich (selbst) neu zu erinnern.

Indem Sie „Nein“ sagen, sind Sie jetzt in der Rolle desjenigen, der attackiert (werden) wird, aber nicht von allen, und das ist wichtig. Dass die Angehörigen der Überlebenden erkennen können, was in BV für ein Ausweichmanöver vor der eigenen Geschichte praktiziert wird und das dies erfordert, die Perspektive zu wechseln, geht nur durch genaues Hinschauen, dafür ist Ihr Beitrag notwendig. Sonst würden die Opfer zu Tätern gemacht, ich finde es enorm wichtig, das Sie das alles dokumentieren und diesen Perspektivenwechsel eröffnen und ermöglichen."

Ganz herzlichen Gruß

Dr. Irmtrud Wojak

(BUXUS STIFTUNG, Fritz Bauer 1903-1968, Eine Biografie)

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Presse

 Ausgewählte Beiträge von 2019, 2020, 2021, Kreiszeitung Bruchh.-Vilsen/Hoya

                                                                      und Weser Kurier/Syker Kurier ab 15.7.21;

 plus ein von der Kreiszeitung  nicht veröffentlichter Leserbrief vom 28.7.21

2019

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Von Karin Neukirchen Stratmann                                                                                           11. Dezember 2019


Der Name Lindenberg – eine Alternative?

Br.-Vilsen – Klaus-Peter Klauner ist in Bruchhausen geboren und in Vilsen aufgewachsen, dort zur Schule gegangen. Der 67-Jährige, der heute im Rheinland wohnt, hat sich in der vergangenen Zeit intensiv mit der Lebensgeschichte seines Vaters Johann Peter Klauner und damit auch der des Orts beschäftigt. Daraus resultiert seine Anregung, den Bullenkampplatz umzubenennen.
Die Familiengeschichte
„Dazwischen“ ist der Arbeitstitel eines Buchs, das Klaus-Peter Klauner vor allem über die Lebensgeschichte seines Vaters schreiben möchte. „Die Idee dazu entstand auf der Palliativstation in Esch/Alzette im Luxemburger Süden. Dort lag meine Tante Sophie, die an Krebs erkrankt war. Sie erzählte lebhaft aus ihrem Leben und dem unserer Familie“, sagt Klaus-Peter Klauner. Er erfuhr viel über seinen Vater, den ältesten Bruder seiner Tante. „Seine vier Schwestern verehrten ihn“, erzählt Klauner. Zudem gab es vier jüngere Brüder.
Das Manuskript ist ein Text über Johann Peter Klauner, genannt Hans oder Hänschen, der von 1944 bis 1966 als Polizist in Bruchhausen-Vilsen und im Kreis Hoya tätig war. „Damals war er Vertreter des Naziregimes. Er gehörte nicht der politischen Polizei an, war aber als Gendarm NS-staatliche Autorität in den dörflichen Zusammenhängen, war respektiert und beliebt, auch über die 1945er-Jahre hinaus“, sagt Klaus-Peter Klauner.
Die Familiengeschichte beginnt im 19. Jahrhundert mit dem Ur-Ur-Großvater Klauners im Dreiländereck Belgien/Niederlande/Luxemburg. „Sie handelt von Migration, ohne die unser heutiges Europa nicht denkbar wäre“, sagt der 67-Jährige. Es geht um Ausgrenzung und eine nicht aufgearbeitete Kollaboration in Luxemburg und um den Umgang mit der Erinnerung an die jüdischen Familien in Bruchhausen-Vilsen.
Johann Peter Klauner wird 1916 in Düdelingen im Süden Luxemburgs geboren und wächst in Köln auf. Als die Nazis 1933 die Macht übernehmen, muss seine Familie – als Ausländer – Deutschland verlassen. Er baut sich in Luxemburg eine neue Existenz auf, gründet eine Familie, bis die Deutschen im Mai 1940 in Frankreich einmarschieren. Auf der Flucht nach Frankreich landet Johann Peter Klauner im Internierungslager Les Milles. Die Deutschen befreien ihn.
Nach seiner Rückkehr ins mittlerweile besetzte Luxemburg wird er dort 1942 freiwillig zur deutschen Polizei eingezogen. Über Braunschweig kommt er dann in den Altkreis Hoya, nach Bruchhausen-Vilsen. Dort gründet er eine neue Familie. „Mehr kann ich noch nicht verraten, da ich meine Recherchen erst der Familie vorstellen möchte“, erklärt Klaus-Peter Klauner.
Geschichte der Juden
In dem zeitlichen Kontext hat er sich mit der jüdischen Gesellschaft in Luxemburg beschäftigt. Im Zuge seiner Nachforschungen stieß Klaus-Peter Klauner auf die Geschichte der Juden in Bruchhausen-Vilsen und jener im Kreis Hoya. „Ich habe mich mit Elfriede Hornecker in Hoya getroffen, die ein sehr informatives Buch über die jüdische Geschichte im Kreis herausgebracht hat“, erzählt Klaus-Peter Klauner. Er nutzte zudem die von Heinrich Bomhoff (1937-2014) aus Bruchmühlen zusammengetragenen Informationen. Dieser hatte die Geschichte der jüdischen Familien in Bruchhausen-Vilsen aufgearbeitet. „Ich war sehr überrascht, weil ich mich zwar mit dem Holocaust und der Nazizeit intensiv auseinandergesetzt hatte, aber nie auf die Idee gekommen war, das auf meinen Geburtsort zu beziehen. Die Familie meiner Mutter kommt zwar aus Bruchhausen, aber sie war in Bremen aufgewachsen, und mein Vater war erst nach Vilsen gekommen, als die jüdischen Familien schon deportiert waren“, erzählt Klauner.
„Mitten in meinen Recherchen zu den jüdischen Familien in Vilsen, vornehmlich interessierten mich die Familien Lindenberg und Salomon, platzte die Platzbenennung vor dem alten Lindenberghaus rein.“ Wie berichtet, beschloss der Fleckenrat im Juni einstimmig, dass dieser Bullenkampplatz heißen soll. Klaus-Peter Klauner recherchierte weiter und fand heraus, dass „Heinrich Bullenkamp, damals Vorsitzender des Turnvereins, von der NSDAP genehmigt, 1938 der Aufkäufer des ,arisierten‘ Hauses war, in dem über mehrere Generationen die Lindenbergs gewohnt haben, nachweislich seit dem 19. Jahrhundert“. Das würden Grundbucheinträge zeigen.
Das bestätigt auch Elisabeth Meyer vom Archiv der Samtgemeinde. „Seit wann die Familie im Besitz des Hauses Bahnhofstraße 63, heute Hausnummer 53, ehemals Geschäft Bullenkamp, war, lässt sich nicht genau sagen“, meint sie. Der erste Hinweis, der sich im Archiv finde, ist die Veröffentlichung im „Amtsblatt für den Regierungsbezirk Hannover, Jahrgang 1888“. Dort steht, dass im April 1888 für den Kaufmann Salomon Lindenberg für die Hausnummern 62/63 ein Grundbuchblatt angelegt wurde – sowie der entsprechende Eintrag dazu in der Grundsteuermutterrolle von Vilsen. Zum weiteren Verlauf und Verkauf des Hauses gebe es im Archiv keine Dokumente. Eine Verkaufsbestätigung liege laut Klaus-Peter Klauner im Archiv in Hannover. Derzeit bemühe er sich um eine Veröffentlichungsgenehmigung des Dokuments. Er räumt ein, dass man sich fragen müsse, ob sich die Aufkäufer schuldig machten, weil sie die Gelegenheit zum Erwerb von Immobilien nutzten oder sie Retter in der Not für die flüchtenden Juden gewesen sind. „Die Beantwortung dieser Frage liegt meines Erachtens zwischen Antisemitismus und Aufarbeitung, zwischen Schuld und Versöhnung.“
Der Bullenkampplatz
Doch zurück zur Benennung des Bullenkampplatzes. Diese sei für Klaus-Peter Klauner umso unverständlicher, „da sich der Gemeinderat ja auf den Weg gemacht hat, die Geschichte der jüdischen Familien öffentlich zu machen“. Der Rat stimmte für die Verlegung von Stolpersteinen im Ortskern. Der Platz sei ganz bewusst so benannt worden, das teilte ihm der Bürgermeister mit, sagt Klauner. Es gehe um die „innerörtliche Zurechtfindung“. Der 67-Jährige hat in einem Schreiben an die Ratsmitglieder des Fleckens auf die Zusammenhänge hingewiesen, „der Rat ist aber bisher bei seiner Entscheidung geblieben“ (siehe unten stehender Bericht). Klauner fragt sich, „was wohl ein Gunter Demnig (Initiator der Initiative Stolpersteine, Anm. d. Red.) denken muss, wenn er sich neben dem Platz niederkniet, um dort die Stolpersteine für die Familien Salomon und Lindenberg einzupflastern. Von dem Urenkel Ezequiel Ariel Lindenberg ganz zu schweigen.“ Die Nazis hätten die Juden aus dem Dorf getrieben. Die Namen würden als Stolpersteine in die Erde wandern, die Namen der Profiteure der Nazigesetzgebung bekämen den lichten Platz, meint er. In diesem Fall zeige sich, „dass Stolpersteine nur die zweitbeste Möglichkeit sind, an jüdisches Leben in der Gemeinde zu erinnern“.
Klaus-Peter Klauner fragt sich, wo unsensibel aufhört und antisemitisch anfängt. „Es geht mir in erster Linie nicht um die Schuld unserer Eltern oder Großeltern, sondern um unsere Verantwortung und wie weit wir bereit sind, hinzuschauen.“ In diesem Zusammenhang bezieht er sich auf die Benennung des Bullenkampplatzes. Er schlägt eine Umbenennung in „Lindenbergplatz“ vor und hofft, genügend Gemeindemitglieder und Ratsvertreter dafür gewinnen zu können.



Quellenangabe: Kreiszeitung Bruchh.-Vilsen/Hoya vom 11.12.2019, Seite 9


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„Grundlage war die örtliche Beziehung zu dem Geschäftshaus“                                               11.12.2019

Br.-Vilsen – Die im Fleckenrat vertretenen Fraktionen SPD, CDU und Die Grünen haben zur von Klaus-Peter Klauner vorgeschlagenen Umbenennung des Bullenkampplatzes (siehe oben stehender Artikel) schriftlich Stellung genommen – auch in einem Schreiben an den 67-Jährigen. „Der Rat Bruchhausen-Vilsen hat am 26. Juni 2019 beschlossen, den Vorplatz beim Geschäftshaus Bullenkamp ,Bullenkampplatz‘ zu nennen“, geht aus der Stellungnahme hervor. „In der Diskussion über die Benennung des Platzes ist nie die Ehrung beziehungsweise die Hervorhebung einer Person aus Bruchhausen-Vilsen hervorgegangen. Grundlage war immer die örtliche Beziehung zu dem ,Geschäftshaus Bullenkamp‘, das nicht nur in Bruchhausen-Vilsen, sondern auch in weiterer Umgebung bekannt ist. Nach unserem Kenntnisstand wird der Platz von den Bürgerinnen und Bürgern schon seit langer Zeit ,Der Platz vor Bullenkamp‘ oder ,Vorplatz Bullenkamp‘ genannt“, heißt es weiter. Auch die Fördergemeinschaft Bruchhausen-Vilsen habe die Benennung des Platzes mit dem Namen „Bullenkamp“ favorisiert. Den Vorschlag habe der Fleckenrat aufgegriffen, sei diesem nach Abwägung und Diskussion gefolgt und habe deutlich darauf hingewiesen, dass es ihm dabei um das Zurechtfinden innerorts geht und nicht, wie Klaus-Peter Klauner es deutet, darum, die Person „Bullenkamp“ zu ehren.         

Die Fraktionen hätten die Anregung der Platzumbenennung diskutiert, sähen aber von einer Namensrevidierung „aus den verschiedensten Gründen“ ab.

Nach der Realisierung des Projekts „Stolpersteine“ werde angestrebt, sich in einer Ausschusssitzung mit einer Gedenktafel oder Gedenkstätte, die an die Opfer und Verfolgten der NS-Zeit erinnern, zu befassen. „Wünschenswert ist auch, dass sich eine Interessengruppe bildet oder die bereits bestehende Geschichtswerkstatt sich diesem Thema widmet und sich daraus eine textliche Fassung für die Nachwelt ergeben würde“, heißt es weiter.

Für die SPD erklärt Reinhard Thöle über die Stellungnahme hinaus: „Für die SPD-Fraktion ergibt sich nach dem gemeinsam abgestimmten Antwortschreiben aller Fraktionen keine Notwendigkeit einer erneuten Beratung. Alle Gründe zur Platzbenennung sind in dem Schreiben genannt.“

Für Die Grünen erklärt Bernd Schneider: „Die Bemühungen von Klaus-Peter Klauner zur Klärung der Geschichte von Bruchhausen-Vilsen in der Zeit des Nationalsozialismus werden von uns sehr zu begrüßt.“ Die Benennung des Platzes sei von der Fördergemeinschaft zur besseren Orientierung vorgeschlagen worden. Die Grünen erhoffen sich, durch die Aufarbeitung der Geschichte des Orts eine „Bewertung des Kaufs des Hauses der Familie Lindenberg durch Herrn Bullenkamp im Jahr 1938 und vergleichbare Angelegenheiten anderer Personen“ vornehmen zu können. „Bislang gab es im Rahmen der Recherchen keine belastbaren Aussagen zu diesem Punkt. Je nachdem, was bei den weiteren Recherchen herauskommt, sollte im Weiteren nichts ausgeschlossen werden – also weder eine Umbenennung noch eine Beibehaltung der Bezeichnung.“  neu



Quellenangabe: Kreiszeitung Bruchh.-Vilsen/Hoya vom 11.12.2019, Seite 9


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Bullenkampplatz: Ursula Goehrtz nimmt Stellung                                                                           13.12.2019


Br.-Vilsen - Das  Anliegen von Klaus-Peter Klauner, den Bullenkampplatz  in  Bruchhausen-Vilsen   umzubenennen, zum  Beispiel  in  Lindenberg-platz  (wir  berichteten),  stieß auf  einige  Rückmeldungen. Auch  Ursula  Goehrtz,  Enkelin  von  Heinrich   Bullenkamp,  meldet  sich  zu  Wort. „Meine Großeltern hatten ein sehr  gutes  Verhältnis  zu  den Lindenbergs, sie waren Nachbarn. Als die Lindenbergs verfolgt wurden, kauften meine Großeltern  das  Haus  und  ermöglichten  den  Lindenbergs so die Flucht nach Amerika“, weiß sie.  Zahlreiche Briefe habe ihre Großmutter später noch  immer  von  der  jüdischen Familie erhalten, in denen diese sich bedankte.

"Leider  liegen  die  Briefe  nicht mehr  vor“,  bedauert  Ursula Goehrtz. Nach  Ende  des Kriegs  habe  ihr  Vater,  Ferdinand  Bullenkamp,  das  Haus dann im Rahmen der Wieder-gutmachungspolitik noch einmal  erworben.  Über den Kaufpreis  weiß  Ursula  Goehrtz nichts, auch Dokumente  befinden  sich  nicht  mehr im Familienbesitz. Ursula Goehrtz  sieht  durch  die  Aktion von  Klaus-Peter  Klauner  den Familiennamen beschädigt. neu


Quellenangabe: Kreiszeitung Bruchh.-Vilsen/Hoya vom 13.12.2019


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Klauner reagiert auf Stellungnahme                                                                                                 21.12.2019

Br.-Vilsen - Klaus-Peter Klauner reagiert auf die Stellungnahme von Ursula Goehrtz zum Artikel „Der Name Lindenberg eine Alternative?“. lnsbesondere äußert er sich zu dem Satz: ‚„Als die Lindenbergs verfolgt wurden, kauften meine Großeltern das Haus und ermöglichten den Lindenbergs so die Flucht nach Amerika“, weiß sie.“ Laut Recherchen von Klaus-Peter Klauner war Emil Lindenberg 1938 der Verkäufer des Hauses an der Bahnhofstraße 63. Ursprünglich habe dieses Salomon Lindenberg, seinem Vater, gehört. „Emil Lindenberg ist nicht mit dem Erlös des Hausverkaufs die Flucht ermöglicht worden, er ist mit seiner Frau Margarete in Theresienstadt ermordet worden“, sagt Klaus-Peter Klauner. Zudem seien Emil und Margarete Lindenberg keine Nachbarn der Bullenkamps gewesen, da diese am Engelbergplatz 48 wohnten. „Die Daten dazu liegen mir vor“, sagt Klauner. Seine Aussagen beruhen laut ihm auf Recherchen unter anderem in Archiven in Hannover und Stade. vik


Quellenangabe: Kreiszeitung Bruchh.-Vilsen/Hoya vom 21.12.2019


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2020

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IM BLICKPUNKT

Bullenkampplatz: Antrag zur Namensgebung                                                                          8.2.2020

Br.-Vilsen - Viel Diskussionen hatte es in den vergangenen Wochen gegeben, nachdem der ehemalige Bruchhausen-Vilser KlausPeter Klauner auf die Tatsache hingewiesen hatte, dass der Bullenkampplatz im Flecken vor dem Hintergrund der Verlegung von Stolpersteinen im Gedenken an die jüdische Familie Lindenberg doch besser anders genannt werden sollte (wir berichteten). Nun wird sich der Rat des Fleckens während seiner öffentlichen Sitzung am Mittwoch, 19. Februar, ab 19 Uhr unter anderem mit einem Antrag aller Fraktionen, die im Fleckenrat vertreten sind, befassen. Darin geht es um die „Aufhebung des Beschlusses über die Benennung eines Platzes im Ortskern von Bruchhausen-Vilsen“. Der Antrag sieht die Aufhebung des Ratsbeschlusses vom 26. Juni 2019 über die Benennung des Platzes vor dem ehemaligen Geschäft Bullenkamp vor und „sieht derzeit von einer Namensgebung für diesen Platz ab", wie es in der Sitzungsvorlage heißt. Die Begründung für den Antrag erfolge mündlich in der Sitzung. Noch Ende November hatten die  Fraktionen erklärt, dass sie keine Notwendigkeit einer Beratung über die Platzbenennung sähen. „Vor dem Hintergrund der aktuellen Erkenntnisse ist das ein wichtiger Schritt", sagt Bernd Schneider, Fraktionsvorsitzender vom Bündnis 90/Die Grünen. Das sieht auch die SPD so: „Das Projekt der Stolpersteine muss gesichert sein, das wollen wir nicht gefährden“, erklärt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Günter Schweers.

Die CDU will vor der Sitzung keine Stellungnahme abgeben. Klaus-Peter Klauner zeigt sich erfreut über den gemeinsamen Antrag: „Ein großartiger Tag für zivilgesellschaftliches Engagement“. neu


Quellenangabe: Kreiszeitung Bruchh.-Vilsen/Hoya vom 8.2.2019

 


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Namensgebung für Platz im Ortskern zurückgenommen                                                             21.2.2020

Br.-Vilsen – Der Bullenkampplatz in Bruchhausen-Vilsen hat seit Mittwoch offiziell keinen Namen mehr. Einstimmig hat der Rat des Fleckens auf Antrag aller Fraktionen seinen Beschluss vom 26. Juni 2019 zurückgenommen. Die aus dem Volksmund übernommene Bezeichnung hatte für Kritik gesorgt, weil die jüdische Familie Lindenberg ihr Haus 1938 im Zuge der Arisierung verkaufen musste. Neuer Eigentümer wurde Heinrich Bullenkamp. An Familie Lindenberg soll demnächst ein Stolperstein erinnern.         

„Die Stolpersteine werden am 25. Juni verlegt. Die Fraktionen befürchten, dass diese Aktion nicht genügend Aufmerksamkeit bekommt, wenn Platzbenennung und Stolpersteine gedanklich miteinander verknüpft werden“, erklärte Fleckenbürgermeister Lars Bierfischer (SPD) während der öffentlichen Sitzung im Rathaus.

Der frühere Beschluss sollte keine Ehrung oder Hervorhebung einer Person darstellen, sondern die ortsübliche Bezeichnung nach dem bekannten Geschäfsthaus aufgreifen, stellte er klar.         

Während der Einwohnerfragestunde beglückwünschten einige Bürger den Rat zu dieser Entscheidung. Beate Klauner fragte, ob sich der Rat jetzt damit beschäftigen werde, „den Platz nach der Familie Lindenberg zu benennen“. „Wir beschäftigen uns jetzt erstmal mit den Stolpersteinen, dann wird sich ein Arbeitskreis mit der weiteren Geschichte befassen, und was sich daraus ergibt, muss man abwarten“, antwortete der Bürgermeister.

Erika Müller-Kracke wollte wissen, warum die Themen Stolpersteine und Platzbenennung nicht im Zusammenhang stünden. „Ich möchte, dass der Rat klare Kante zeigt, gerade in der heutigen Zeit.“         

Auch Peter Schmidt-Bormann befürwortete die Rücknahme der Platzbenennung. „Vor allem vor dem Hintergrund, dass vor 75 Jahren die Auschwitz-Befreiung stattfand und unser Bundespräsident eine respektable Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte fordert. Für mich ist Bruchhausen-Vilsen da bisher nicht besonders in Erscheinung getreten.“ Der Arbeitskreis Geschichte im Heimatverein VVV sei einhellig der Meinung, „dass der Platz Lindenbergplatz genannt werden sollte, nach der Familie, die dort 150 Jahre lebte.“ Schmidt-Bormann lobte die Recherchen von Klaus-Peter Klauner, der alles in Gang gesetzt habe (wir berichteten) und lobte die Arbeit der Gymnasiasten zur Stolpersteinverlegung. „Das hätte hier viel früher kommen müssen.“

Bernd Schneider (Die Grünen) appellierte, etwas Geduld zu haben. „Die Schüler arbeiten gerade an den Biografien der jüdischen Familien, der Arbeitskreis nimmt seine Arbeit erst auf.“         

Klaus-Peter Klauner durfte sich nicht äußern, da er kein Bürger des Fleckens ist, Wie Bierfischer bemerkte. Am Rande der Sitzung bewertete Klauner den Beschluss als „ein Zeichen der Wahrnehmung und Wiedergutmachung 75 Jahre nach dem NS-Terror und somit einen Schritt hin zur Versöhnung.“ Spontan fanden sich einige Bürger um Klauner zu einer Initiative zusammen, die sich für die Benennung des Platzes nach Familie Lindenberg einsetzen möchte.    neu



Quellenangabe: Kreiszeitung Bruchh.-Vilsen/Hoya vom 21.02.2020, Seite 11


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Erinnerung an die jüdische Geschichte                                                                                              14.4.2020



Br.-Vilsen – Klaus-Peter Klauner, gebürtiger Bruchhausen-Vilser, kämpfte monatelang für die Umbenennung des Bullenkampplatzes (wir berichteten). Nun ist es, seitdem der Rat des Fleckens die Namensgebung „Bullenkampplatz“ im Februar rückgängig machte, still geworden. Doch untätig ist Klaus-Peter Klauner nicht. Er hat eine informative Homepage erstellt.          

Am 7. April jährte sich auch in Bruchhausen-Vilsen das Kriegsende. „Vor 75 Jahren, am 7. April 1945, war der Krieg für die Menschen in Bruchhausen-Vilsen beendet. Aus einem Bericht der VIII Kings Royal Irish Hussars geht hervor, dass diese gegen Mittag den Ort eingenommen haben“, beschreibt Klauner auf der Homepage. Das Leben der jüdischen Familien im Ort, und nicht zuletzt die Benennung des Platzes vor dem ehemaligen Geschäft „Bullenkamp“ und der Volkshochschule nach der jüdischen Familie Lindenberg, die dort viele Jahrzehnte lebte, treibt ihn weiter um. „Nach der Ratssitzung vom 19. Februar war ich ein wenig desillusioniert“, sagt Klauner. „Die Argumentation, dass die Platzbenennung und Stolpersteinverlegung nichts miteinander zu tun hätten, wird einer historischen Bewertung nicht standhalten. Ich habe durchaus mit einer klareren Positionierung gerechnet, was eine Lindenbergplatz-Namensgebung betrifft. Zeit und Infos dazu gab es genug. Mir fehlt im Umgang mit diesem Thema die Auseinandersetzung im Ort damit. Dazu möchte ich mit der Homepage Lindenbergplatz.de beitragen“, erklärt Klauner.

Auf der Internetseite wirft Klauner einen Blick auf den 7. April 1945, auf die jüdische Familie Lindenberg und auf die politischen Entscheider damals und heute. „Wichtig ist, an die Geschichte der jüdischen Familien in Bruchhausen-Vilsen zu erinnern, die seit dem 18. Jahrhundert zu einem lebendigen Gemeinschaftsleben beigetragen haben“, formuliert Klauner im Text auf der Homepage. Er tritt seit geraumer Zeit dafür ein, den Platz vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Lindenberg, später Bullenkamp, Lindenbergplatz zu benennen. „Ein Lindenbergplatz in Bruchhausen-Vilsen ist zur historischen und moralischen Zurechtfindung nicht nur geeignet, sondern ein Zeichen der Wahrnehmung und des Wunsches nach Wiedergutmachung 75 Jahre nach dem NS-Terror und somit ein dringlicher Schritt hin zur Versöhnung“, meint er.         

In Zeiten der Corona-Krise hofft Klauner, dass viele Menschen, auch die Politiker im Ort, sich noch einmal mit der Namensgebung befassen. Ein Termin vor Ort mit ihm und einigen Mitstreitern seiner Initiative, bei dem sie ein symbolisches Namensschild „Lindenbergplatz“ aufstellen wollten, konnte aus bekannten Gründen nicht stattfinden. „Wir bleiben aber weiterhin am Ball“, sagt Klauner.

Seine Kontaktdaten und auch Ausführungen zum Kriegsende im Ort, verfasst von Heinrich Niemeyer, finden Interessierte unter www.lindenbergplatz.de.


Quellenangabe: Kreiszeitung Bruchh.-Vilsen/Hoya vom 14.04.2020, Seite 11

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2021

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28.5.2021. Im Blickpunkt. (Anne Katrin Schwarze)

Lindenbergplatz: Benennung vertagt.

B-V. Mit Spannung erwarten Ratsmitglieder wie Einwohner die nächste Sitzung des Flecken-Rates. Sie soll am Mittwoch, 2 Juni, stattfinden und wäre die erste öffentliche Zusammenkunft des Gremiums in diesem Jahr - wenn es bei den aktuellen Corona Schutzmaßnahmen bleiben kann. Nicht weniger als 23 Punkte hat der Rat abzuarbeiten. Einer davon soll wegen der Fülle an Themen verschoben werden: Die Benennung des Platzes vor dem Geschäft Bullenkamp. „Die Mitglieder des Verwaltungsausschusses sind in ihrer Sitzung am 12 Mai übereingekommen, diesen Punkt über den normalen Beratungs- und Beschlussweg zu behandeln“, teilte Bürgermeister Lars Bierfischer gestern in einer Pressenotiz mit. Zuerst soll der Antrag der Grünen (wir berichteten) also im Fachausschuss für „Jugend und Soziales“ beraten werden. Mit einer dort gefassten Empfehlung befasst sich dann üblicherweise der Verwaltungsausschuss, bevor der Gemeinderat die Aufgabe der Beschlussfassung übernimmt. „Es ist davon auszugehen, dass der Gemeinderat dieser Empfehlung folgen wird“, sagte Lars Bierfischer und kündigte an: „Der Fachausschuss wird baldmöglichst, sofern es die Corona- Bedingungen zulassen, eingeladen.“


Leserbrief, 2.6.2021  „Lindenbergplatz: Alle wesentlichen Punkte bekannt“

Zum Artikel „Lindenbergplatz: Benennung vertagt“ vom 28.Mai auf dieser Seite.

Das ist eine langwierige Inszenierung für eine seit zwei Jahren bekannte historische und moralische Notwendigkeit. Wenn mit der Bullenkampplatz-Benennung genauso umgegangen worden wäre, dann wäre es zu dem jetzigen Problem vlt. erst gar nicht gekommen.

Es hat einen bitteren Beigeschmack. Die Stimmen mehren sich, den Platz endlich nach Lindenberg zu benennen, da alle wesentlichen Punkte hierfür bekannt sind. Und es unverständlich erscheint, eine solche Schleife mit offenem Ausgang vom Flecken-Rat über den Fach-Ausschuss, den Verwaltungsausschuss und dann zurück zum Flecken-Rat einzufügen.

Das Argument, dass der Flecken-Rat zeitlich überlastet sei, klingt kaum nachvollziehbar angesichts des jetzt folgenden Beratungsreigens. Ob Rat oder Fach-Ausschuss, in beiden Ebenen sitzen dieselben Parteien und überwiegend dieselben Ratsmitglieder.

Bei diesem mittlerweile gewichtigen Thema wäre vlt. eher eine Sondersitzung mit Bürger*innenbeteiligung im Rat angemessen gewesen.

Der jetzt gewählte Umweg mit offenem Ausgang ist erstmal enttäuschend für alle engagierten Menschen im Ort und außerhalb, die möchten, dass der Platz endlich nach Lindenberg benannt wird - und das seit zwei Jahren.

Klappt es diesmal nicht, sollten die Bürger*innen darüber nachdenken, eine symbolische Platzbenennung vorzunehmen, um den Parteien und dem Bürgermeister nochmal deutlich zu machen: es ist an der Zeit.

Das wäre dann ein deutliches Statement der Bürger*innen im Ort.

Ob der nun eingeschlagene Weg durch die Instanzen zum Ziel führt, wird sich zeigen, die unterstützenden Ratsmitglieder kann man nur ermuntern, jetzt zügig voranzugehen.

Klaus-Peter Klauner, Brühl


4.6.2021. Aus dem Rat.

Lindenberg-Platz: Beratung am 13 Juli. (Anne Kathrin Schwarze)

BV. Über die Benennung des Platzes im Vilser Ortskern berät der Ausschuss für Jugend und Soziales ab 13 Juli, teilte Bürgermeister Lars Bierfischer während der Ratssitzung am Mittwoch mit. Ursprünglich sollte der Rat an diesem Abend eine Entscheidung treffen.

Wegen der Bedeutung des Themas verschoben.

„Wegen der Bedeutung des Themas haben wir uns entschieden, die Benennung in der üblichen Reihenfolge zu beraten“, erläuterte Bürgermeister Lars Bierfischer. Für die nächste Ratssitzung stehen noch kein Termin fest, sie soll aber unmittelbar nach dem Fachausschuss stattfinden.

Ausschuss tagt vor der Sommerpause.

Damit soll noch vor der Sommerpause entschieden werden, ob der Platz vor dem ehemaligen Geschäftshaus Bullenkamp nach den früheren jüdischen Besitzern Lindenberg benannt werden soll. Fortgeführt werden soll dann auch die Debatte um die Gestaltung eines Denkmals für die Opfer der Nazi Herrschaft. Für dessen Gestaltung stehen 1000€ im Haushalt bereit. Außerdem sollen in diesem Jahr weitere Stolpersteine verlegt werden, um an ehemalige jüdische Mitbürger zu erinnern. kündigte Nicole Reuter als Vorsitzende dieses Fachausschusses an. „Wir warten darauf, die Öffentlichkeit beteiligen zu können“, sagt sie zur erneuten Verschiebung des Themas auf einen späteren Termin. „aks“


Leserbrief, 7.6.2021. Verstehe den Einsatz nicht.

Zum Leserbrief „Lindenbergplatz: Alle wesentlichen Punkte bekannt“ von Klaus Peter Klauner vom 2. Juni auf dieser Seite:

Es mag ja sein, dass es eine moralische und historische Notwendigkeit für Herrn Klauner und sich mehrender Stimmen ist - verstehen könnte ich vielleicht seinen Einsatz, wenn er nicht in Brühl, sondern tatsächlich noch in Bruchhausen-Vilsen wohnen würde - aber so verstehe ich nicht, wieso man ihm und „seinem“ Thema so viel Raum und anscheinend Mitspracherecht gibt.

Karin Schildmair, Bruchhausen-Vilsen


Leserbrief, 12.6.2021. Es gibt bereits den Lindenberg.

Zum Leserbrief „Verstehe den Einsatz nicht“ vom 7. Juni auf dieser Seite.

Ich bin der gleichen Meinung wie Karin Schildmair. Was hat Herr Klauner noch mit Bruchhausen-Vilsen zu tun, der mit Sicherheit schon bestimmt Jahrzehnte hier nicht mehr wohnt?

Außerdem gibt es bereits den Lindenberg und die Lindenbergapotheke. Ich denke, das reicht.

Heinz Wilhelm Suling, Bruchhausen-Vilsen.


Leserbrief, 16.6.21. „Der Versuch, weiteren Schaden abzuwenden“.

Zu den Leserbriefen “Verstehe den Einsatz nicht“ vom 7. Juni und „Es gibt bereits den Lindenberg“ vom 12. Juni auf dieser Seite.

Frau Schildmair und Herrn Suling kenne ich nicht persönlich, wahrscheinlich sind sie zugezogen, doch solche Ansichten die sie vertreten kenne ich schon.
Aber sie sprechen durchaus ein interessantes Thema an, dass ich mich manchmal auch frage: warum tue ich mir das an, warum engagiere ich mich gerade hier, es ist doch nicht mein Lebensmittelpunkt?
Das letzte Mal habe ich mich das 1993 während des Balkan-Krieges in Sarajevo gefragt, als ich mit Helm und schusssicherer Weste mich vor den serbischen Scharfschützen in Sicherheit gebracht habe.
Zu der Zeit habe ich mich dort zur Unterstützung meiner Frau aufgehalten, die vor Ort eine Organisation für im Krieg traumatisierte Frauen aufgebaut hat - und das, obwohl sie nicht dort "wohnte".
Aber da ist mir immer wieder das Wort von Fritz Bauer durch den Kopf gegangen, was mir geholfen hat: "Widerstand ist der Aufwand unseres Mitgefühls, das Kämpfen und – wie die Geschichte nur zu oft zeigte – auch ein Fallen für eine humanistische Welt.”
Zugegeben, dass klingt etwas heroisch, aber womit man sich nicht alles Mut macht wenn es gefährlich wird.
Mein Engagement  in BV ist der Versuch Schaden  abzuwenden und das ohne, dass ich dort wohne, richtig. Das tue ich in Liebe zu meinem Geburtsort und den Menschen dort, wie einem Teil meiner Familie, die im Ort lebt.
Schaden, der durch die Ernennung des Platzes im Juni 2019 entstanden ist, in Kenntnis der wahren Zusammenhänge. Oder durch die Märchen über gerettete Juden mit Hilfe von Arisierung, die in Wahrheit in Theresienstadt ermordet worden sind.
Mein Vater war 1944 als Gendarm sichtbarer Vertreter des NS-Regimes in BV.
Deshalb tue ich es auch, aus transgenerationaler Verantwortung gegenüber der Familie Lindenberg und den anderen jüdischen Familien, die in BV gelebt haben.
Klaus-Peter Klauner, Brühl


19.6.21. „Lindenbergplatz, Vernunft statt verzögern.“

Von Anne Kathrin Schwarze. (Lokalredakteurin BV, Kreiszeitung Hoya)

„Nennt euren Platz doch Udo-Lindenberg-Platz“, schlägt ein Leser aus dem Landkreis Nienburg den Bruchhausen-Vilsern vor. Er gibt sich der Redaktion nicht als persönlich Betroffener zu erkennen, sondern reagiert als Außenstehender auf ein Hin und Her an Leserbriefen, das einem der sensibelsten Themen der jüngsten Zeit den ungerechtfertigten Beigeschmack des Lächerlichen verpasst.

Worum geht es? Um die Erinnerung an jüdische Einwohner, die während der Nazi-Herrschaft vertrieben und ermordet wurden. Aber nicht um den Wettbewerb, wer die älteren Rechte hat, sich zu einem lokalen Thema zu äußern.

Die politische Gemeinde hat richtig entschieden, dieses Thema zu vertagen, um es in aller Ausführlichkeit und vor größtmöglicher Öffentlichkeit zu beraten und zu diskutieren. Das ist nicht verzögern, das ist Vernunft. Eine Eilentscheidung tut nicht Not. Schnellschüsse gehen allzu leicht nach hinten los. Das hat die erste unbedachte, aber in diesem Kontext unangemesse und daher wieder zurückgenommene Benennung des Plätzchens gezeigt.

Bruchhausen Vilsen ist auf dem richtigen Weg, sich seiner jüdischen Vergangenheit zu stellen. Die Lobby der „Lindenbergplatz“-Befürworter ist so groß, dass nicht zu befürchten ist, das Thema würde sang und klanglos wieder von der Tagesordnung verschwinden.

Das liegt in gewissem Maße auch an Klaus Peter Klauner, gebürtiger Bruchhausen-Vilser, den es beruflich ins Rheinland verschlagen hat. Für viele ist er mit seinem nicht selten zynischen, provozierenden und intellektuellen Ton ein unbequemer Zeitgenosse. Ihm das Recht abzusprechen, sich zu einem lokalen Thema zu äußern, ist nicht nur bei dieser speziellen Thematik bedenklich. Gleichwohl kann der Brühler den Broksern nun getrost das Feld überlassen. Denn das Andenken an die jüdische Geschichte liegt auch im Ort selbst in guten Händen.


Leserbrief, 19.6.21. „Das Ziel ist und bleibt erstrebenswert.“

Alle Zuschriften beziehen sich auf die jüngsten Leserbriefe zur Benennung eines Platzes in Bruchhausen-Vilsen nach Familie Lindenberg.

Klaus Peter Klauner ist nicht nur in Bruvi geboren, sondern er hat auch seine gesamte Kindheit und Jugend hier verbracht und gehörte mit seinen Geschwistern (zwei Brüdern und zwei Schwestern) zu der bekannten Schwimmerfamilie Klauner. Die im Wiehebad viele Wettkampferfolge feiern konnte. Die Beziehung zum Ort ist also über die zwei im Ort lebenden Schwestern hinaus eng. Die Tonart, in der er das Anliegen Lindenbergplatz vorantreiben möchte, gefällt mir nicht, aber das Ziel ist und bleibt erstrebenswert. Der Lindenberg wurde nach einer Baumart benannt. Der Lindenbergplatz soll die Erinnerung an eine Familie in Ehren halten. Der in der Zeit des Nationalsozialismus grobes Unrecht widerfahren ist. Das sind zwei Welten. Hoya hat eine Marion-Blumenthal-Schule, Syke hat einen Edgar Deichmann Platz und Bruchhausen Vilsen sollte bald als Pendant einen Lindenberg Platz haben. Das ist der würdige Abschluss der Stolpersteinaktion.

Peter Schmidt-Bormann Bruchhausen-Vilsen


Leserbrief, 19.6.21. „Kritiker abwerten, wo Argumente fehlen.“

Mit Interesse verfolge ich die Auseinandersetzungen um die Namensgebung „Lindenbergplatz“ in Bruchhausen-Vilsen. Klaus Peter Klauner, gebürtiger Vilser, den es beruflich nach Köln/Brühl gezogen hat, begründete die geschichtlichen und moralischen Gesichtspunkte, die für diesen Namen sprechen. Diese Gründe sind stichhaltig und nachvollziehbar. Nun meldeten sich Leser zu diesem Thema. Aber anstatt Gründe zu nennen, die für oder gegen diese Namensgebung sprechen (dagegen gibt es ja wohl auch keine) wurde Herrn Klauner das Recht abgesprochen, seine Meinung zu diesem Thema abzugeben, da er da er ja nicht mehr in Vilsen wohne? Solch eine Vorgehensweise kenne ich als „mund tot machen“. So etwas ist man aus alten Zeiten oder anderen Ländern gewohnt. Da, wo Argumente fehlen, möchte man den Kritiker durch Ausgrenzung abwerten. Ich hoffe, dass der Gemeinderat eine Weise Entscheidung trifft und sich zur Namensgebung „Lindenbergplatz“ entschließt.

Johann Mewes, Bruchhausen-Vilsen.

 

Leserbrief, 19.6.21. „Wohin würde es führen, nach jedem jüdischen Bürger eine Straße zu benennen?“

Weil Herr Klauner nur seine Kindheit und Jugendzeit in Bruchhausen Vilsen verbracht hat, kennt er sich offenbar nicht mehr aus. Deshalb möchte ich klarstellen: Ich bin hier geboren. Aufgewachsen zur Schule gegangen und lebe immer noch in meinem Elternhaus. Jetzt noch einmal zur Familie Lindenberg. Es gibt bereits die Stolpersteine. Wenn man so genau die Geschichte verfolgt, dann müsste der Engelbergplatz auch umbenannt werden in Lindenbergplatz, weil der Herr Engelberg ja vereidigter Auktionator war und das ganze Hab und gut samt Gebäude und Ländereien der ehemaligen jüdischen Mitbürger versteigert hat. Da müsste die Brautstraße auch in Salomon-Straße umbenannt werden, weil die Familie Georg Salomon in der Brautstraße ein Schuhgeschäft betrieben hat. Wenn das denn so weit geht, dass für jeden ehemaligen jüdischen Mitbürger eine Straße oder ein Platz benannt werden sollte, wohin würde das denn führen? Ich möchte aber deutlich machen, dass ich nicht antisemitisch eingestellt bin.

Hans Wilhelm Suling, Bruchhausen-Vilsen.

 

Leserbrief, 19.6.21. „Unsere vornehmste Angelegenheit.“

Man sollte Klaus Peter Klauner aus Brühl die Ehrenbürgerschaft Bruchhausen-Vilsens verleihen, als Anerkennung und Dank für sein Engagement um Dinge, die eine unserer vornehmsten Angelegenheiten sein sollten.

Cornelia Schlichting-Nelson, Bruchhausen-Vilsen.

 

Lokalredaktion, 19.6.21. „Das Thema Lindenberg.“

Die Redaktion hält die Argumente dafür und dagegen für hinreichend ausgetauscht. Ob sich ein gebürtiger Bruchhausen-Vilser zu Vorgängen in seinem Heimatort äußern sollte, obwohl er dort nicht mehr lebt. Zu diesem Aspekt der Diskussion um die Benennung eines zentralen Platzes im Ortskern nach der jüdischen Familie Lindenberg veröffentlichen wir daher keine weiteren Leserzuschriften mehr.

Wohl dann doch nicht!


22.6.21. „Sollten uns des schlechten Gewissens entledigen.“

Zu den Leserbriefen „Verstehe den Einsatz nicht“ vom 7 Juni, „Wohin würde es führen, nach jedem jüdischen Bürger eine Straße zu benennen?“ und „Kritiker abwerten, wo Argumente fehlen“, beide vom 9. Juni, zur Thematik Lindenbergplatz.  

Ich erlaube mir, Herrn Mewes zu widersprechen und Frau Schildmeyer im vollen Umfang beizupflichten. Auch ich schäme mich für den dunkelsten Abschnitt der deutschen Geschichte!! Mein 89 Jahre alt gewordener Vater war zu keiner Zeit in die Nazivergangenheit direkt involviert, weil er gegen Ende des Zweiten Weltkriegs seinen Lebensunterhalt unter härtesten Bedingungen in der damals immer noch einigermaßen funktionierenden Landwirtschaft verdingen musste. Also stehe ich auf dem Standpunkt, dass wir uns langsam unseres schlechten Gewissens und den daraus immer wieder resultierenden wenig nützenden Wiedergutmachungs-Maßnahmen entledigen sollten. Erinnern und schämen ist in Ordnung. Aber nicht immer und ständig und um jeden Preis. Demzufolge unterstütze ich ohne Einschränkung auch die Meinung von Herrn Suling. Abschließend vielleicht noch die Erwähnung, dass ich mich ganz weit weg vom Antisemitismus bewege.

Uwe Blankenfeld, Bruchhausen-Vilsen.

 

 

5. Juli 2021.

Für uns spricht alles für einen Lindenbergplatz.

Zum Artikel „Halbwissen ist uns nicht genug“ vom 29. Juni, Gästeführerinnen Sophie und Berta verschieben neues Angebot „Jüdische Geschichte(n):

Eine gründliche Vorbereitung der Gästeführerinnen macht Sinn, gerade wenn man sich die Reaktionen auf einen möglichen Lindenbergplatz anschaut. Wer die Leserbriefe zum Thema aufmerksam gelesen hat, erkennt wie teilweise populistisch dagegen argumentiert wird. Deshalb sollten wir Befürworter unsere Ratsvertreter unterstützen, in ihrer Absicht, den Platz nach der ehemals dort ansässigen Familie Lindenberg zu benennen. Es geht nicht um „schlechtes Gewissen“. Es geht um das Thema „Verantwortung der nachfolgenden Generationen“. Es geht um historische und moralische Aspekte, somit spricht für uns alles für einen Lindenbergplatz.

Die Familien, Klauner und Mewes möchten der Gemeinde 700€ zur Gestaltung (Erinnerungstafel) eines Lindenbergplatzes spenden. Heimat ist immer auch da, wo man geboren ist und das gilt nicht nur für die damalige Familie Lindenberg.

Bea Klauner für die Familien Klauner und Mewes. Bremen, Brühl und Bruchhausen-Vilsen.


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Ab hier alle Beiträge nach der Ausschuß-und Ratssitzung v. 13./14. Juli 2021

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Kreiszeitung vom 19. Juli 2021


„Die Zeit dafür ist jetzt“ 

Briefe an die Redaktion. Zum Artikel „Der Platz bleibt namenlos“ vom 15. Juli.

Es ist unverständlich, warum die Ratsmitglieder von CDU und SPD so entscheidungsschwach sind. Ist es fachliche Inkompetenz, oder sind es die menschlichen Schwächen des Aufschiebens, des Hinhaltens, des Aussitzens oder sogar der Feigheit?

Für Tatenlosigkeit sind sie nicht gewählt worden. Ein weiteres Zaudern könnte sich negativ auf ihre Wählbarkeit bei den Wahlen im September auswirken. Wenn sie bei leichten Themen wie diesem schon scheitern und versagen, wie könnten sie komplizierte Zukunftsprobleme für die Gemeinde lösen? Die Entscheidung ist doch einfach, alle Fakten sind seit 14 Monaten bekannt, besonders die der örtlichen Gruppe der Geschichtsforscher. Die Entscheider des Rates sind ohne Schuld an der Vergangenheit, die Generationen der Täter leben nicht mehr? Warum entscheiden sie dennoch nicht?

Ein kurzer Rückblick. Um ihr Leben vor den Nazis zu retten, mussten viele jüdische Mitbürger ihr Hab und Gut zu Niedrigpreisen verkaufen, um Geld für die Flucht und Auswanderung zu haben. Der Raub des jüdischen Eigentums war staatlich gelenkt, privilegierte Personen konnten günstig Teile des fremden Eigentums erwerben, privilegierte Unternehmen des Außenhandels konnten billig jüdische „arisierte“ Unternehmen kaufen, die knappe und sehr gesuchte Import-und Exportlizenzen der staatlichen gelenkten Wirtschaft besaßen. Die Einnahmen aus diesen Verkäufen flossen an die Staatskasse des Nazi Regimes oder in dunkle Kanäle. Bullenkampplatz oder Lindenbergplatz, dies ist vor allem eine Frage der Gerechtigkeit, des Anstands und der Verantwortung, nicht der Schuld. Eine Wiedergutmachung durch einen Namensvergabe ist überfällig und fördert den Ruf des Fleckens und Luftkurortes Bruchhausen-Vilsen als aufgeklärte Gemeinde. Die Zeit dafür ist jetzt!

Jürgen Schütt, Bruchhausen-Vilsen.

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Von ANNE-KATRIN SCHWARZE, Kreiszeitung vom 24.7.2021:

Die Einwohner sollen entscheiden.

SPD schlägt Bürgerbefragung zum Lindenbergplatz vor.

Für die einen Sternstunde, für die anderen Untergang der Demokratie.


Selten wurde im Flecken eine Diskussion so emotional geführt wie die Jüngste zur Benennung eines Platzes. Teilnehmern der beiden Sitzungen in der vergangenen Woche bleiben die Debatten in ganz unterschiedlicher Erinnerung. Für die einen waren sie eine Sternstunde der Demokratie, wie CDU-Ratsherr Heinrich Klimisch sagt, weil das gewählte Parlament eine Entscheidung mit klarer Mehrheit getroffen hat; andere, wie Zuhörer Peter Henze sahen sahen darin den Untergang der Demokratie, auch weil sich die Meinung der Anwesenden Bürger nicht durchgesetzt hat. Allen Parteien haben die vielen öffentlichen wie vor allem auch zahlreichen nicht-öffentlichen Kommentare zugesetzt, wie ihre Sprecher sagen. Färbt das auf das politische Klima im Rat ab? Eine Stellungnahme der SPD nimmt die Redaktion zum Anlass, auch bei den Ratsfraktionen von CDU und Grünen nicht nur nach Befindlichkeiten, sondern vor allem nach einer Perspektive zu fragen. Was wird aus dem Thema Lindenbergplatz? Die Stellungnahme der SPD hat Martina Claes als Mitglied des Flecken Rats unterzeichnet, für die CDU beantwortete Fraktionsvorsitzender Willi Immoor die Fragen der Redaktion mündlich, für die Grünen verfasste Fraktionsvorsitzender Bernd Schneider eine schriftliche Antwort.

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Montag, 26. Juli 2021,

Kreiszeitung Bruchh.-Vilsen/Hoya /BRUCHHAUSEN-VILSEN

„Vom Untergang der Demokratie war nicht die Rede“

Zum Artikel „Die Einwohner sollen entscheiden“ vom 24. Juli 2021.

Es kann auch gutem Journalismus passieren, dass nach engagiert geführten Debatten sich in Berichterstattung etwas verwirrend vermischt. So war vom „Untergang der Demokratie“ meinerseits nicht die Rede, sondern das waren Einschätzungen derer, die die ungewohnt heftige Form der Diskussion überraschte. Diese allerdings war eine Reaktion auf die mehrfach empfundene Missachtung und Interesselosigkeit gegenüber Arbeit und Engagement von Bürgern.

Viele Ratsmitglieder vermittelten (auch mit den Bürgern zugewandtem Rücken und müdem Verlesen von Fraktionsbeschlüssen) den Eindruck, der Bürger störe beim Durchwinken meist hinter den Kulissen ausgehandelter Dinge. Da von überholtem Politikverständnis so viel deutlich wurde, ebenso davon, wie viel ungenannte Kräfte sich wohl hinter ablehnenden Meinungen in mancher Fraktionen verbargen, angesichts dieser Erkenntnisse konnte man diese Sitzung eher als eine Lehrstunde, als eine „Sternstunde“, bezeichnen.

Das war es auch, was ich geäußert habe. Es geht auch nicht darum ob und wie sich Bürger „gegen“ Räte mit ihren Meinungen „durchsetzen“, denn natürlich haben wir eine repräsentative Demokratie – vielmehr geht es darum, wie sich gewählte und verantwortliche Räte gegenüber Initiativen aus der Zivilgesellschaft, oder aber eben auch zum Beispiel des geschichtlichen Arbeitskreises verhalten.

Demokratie ist keine Formalsache, sondern ein Gemeinschaftsdiskurs, der sich ständig erneuern und verändern muss, um lebendig zu bleiben. Für einen solch gemeinsamen Prozess in unseren Gemeinden brauchen wir neben einer begleitenden Presse Begegnungen und Foren des Gesprächs. Diese umgehend einzurichten, stände uns besonders angesichts der diesjährigen Wahlen gut zu Ge-sicht. Und: Ein heftiger öffentlicher Meinungsaustausch ist besser, als durch Bürger verschreckende, abgehobene, intransparente Ratsarbeit die Politikverdrossenheit zu fördern, die Wähler zunächst zu „Nichtwählern“ zu machen und dann in die Arme von Demokratie-Gegnern zu treiben.

Peter Henze

Asendorf

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Unveröffentlichter Leserbrief an die Kreiszeitung, eingesandt am 28. Juli 2021:


Frau Schwarze schreibt (Auszug v. 2.8.): „Daher bleibt es dabei, dass Leserbriefe zu bestimmten Aspekten der Diskussion nicht mehr veröffentlicht werden. Dazu gehören auch das Ergebnis sowie die Art und Weise der beiden Sitzungen im Juli.“

Leserbrief zum Thema Lindenbergplatz in BV

Mir scheint, die SPD inszeniert hier ein Scheingefecht. Allein nur von ihr hat man bisher gehört, dass „die Frage nach der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der jüngsten Diskussion auf die Umbenennung des Platzes reduziert würde“. Das wird zu einem SPD-Mantra. Niemand wird doch wohl ernsthaft behaupten können, dass die Grünen kein Interesse an weiterer Aufarbeitung hätten. Na gut, bliebe die CDU.

Ein weiterer hilfloser Versuch, die Platzbenennung zu diskreditieren ist es, wenn in dem Zusammenhang von der SPD Bundespräsident Steinmeier zitiert wird: " An den Holocaust zu erinnern, Antisemitismus zu bekämpfen und an der Seite Israels zu stehen, all das darf für Deutschland, für uns Deutsche niemals zum leeren Ritual werden.“ Das sollte laut Frau Claes, SPD-Fraktionsmitglied, auch für alle Einwohner in BV gelten. (Weser Kurier v. 26.7.21)

Wenn sie damit den Grünen und Engagierten im und außerhalb des Ortes indirekt leeres Ritual unterstellen möchte, dann fällt das auf die SPD selber zurück. Indem sie die Ernsthaftigkeit des politischen Gegenübers in Frage stellt und deren fundierten Antrag zum Lindenbergplatz ablehnt.

Die beiden Ratssitzungen waren ein Beispiel dafür. Und, wenn man sich selber an die beiden anderen Begriffe erinnert hätte, die Steinmeier anspricht, Holocaust und Antisemitismus, dann wäre ein Bullenkampplatz vielleicht erst gar nicht benannt worden.

Wobei die Aggressionen auf den Ratssitzungen vom 13. und 14. Juli aus dem Publikum nicht ganz verwunderlich sind, wenn man sie neben manch abstruser Argumente von CDU und SPD als Ausdruck der jahrzehntelangen generationsübergreifenden Sprachlosigkeit versteht.

Es ist damit zu rechnen, dass jedweder Ausdruck zu diesem Thema, ob Abwehr, Resignation oder Aggression, auch das Wirken des Leids beinhaltet, dass die NS-Generation uns hinterlassen hat.

Ich habe schon viel leeres Ritual im Zusammenhang mit Erinnerung und Gedenken kennengelernt, aber hier behindern SPD und CDU zivilgesellschaftliches Engagement für die Erinnerung an erfolgreiches jüdisches Leben im Ort.

Man kann nur hoffen, dass die SPD und auch die CDU im Ort zur Vernunft kommen, denn es braucht Mehrheiten für einen Neuanfang und dafür steht der Lindenbergplatz. Noch!

„Wi drept us up`n Lindenbergplatz in Broksen-Vilsen“, das ist Hoffnung und Chance zugleich.


Klaus-Peter Klauner, Brühl

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Kreiszeitung vom 5.8.2021

"Den Platz symbolisch benennen"

Zum Leserbrief zu „In gebührender Sachlichkeit diskutieren“, KrZ vom 3.8.2021

von Uwe Blankenfeld


Als Protagonist für einen Lindenbergplatz bezeichnet zu werden, ist mir eine Ehre Herr Blankenfeld. Es scheint mir viel um Projektionen zu gehen. Viele arbeiten sich an mir ab. Diejenigen, die einen Lindenbergplatz nicht wollen, diejenigen, die meinen, meine Art der Vorgehensweise wäre inakzeptabel usw..

Dass es auch in BV eine „entsprechende rechte Gesinnung“ gibt, davon ist auszugehen. Die ist über ganz Deutschland verteilt. Ca 8% aller Wahlberechtigten in Deutschland vertreten manifest rechts-extreme Einstellungen. https://www.bertelsmann-stiftung.de

Sie sprechen von Würde und Sachlichkeit im Umgang und in der Argumentation.

Schauen wir ganz sachlich darauf: bei der ersten Platzbenennung hat der Rat einen Fehler gemacht, zu dem sich bisher nur die Grünen bekennen. Dieser ist mit der Rücknahme bereinigt worden. Eine Lindenbergplatzbenennung lehnen SPD und CDU bis heute ab.

Die Reaktionen von Bürgern auf der Ratssitzung sind nachvollziehbar. Immerhin hat Peter Schmidt-Bormann seine ganze Reputation in die Argumentation gelegt und mit ausgestreckter Hand geworben, gleichzeitig wurde aber auch eine gewisse Hilflosigkeit deutlich. Auf beiden Seiten. Für mich schien es, dass es der SPD weniger um den Inhalt geht, sondern mehr um die Form.

Ich halte das für würdelos, immer und immer wieder nach einer Arbeitsgruppe zu rufen, die bitte was zum Lindenbergplatz erarbeiten soll? Alle diesbezüglichen Informationen um die Familie stehen auf der Stolpersteinseite oder lindenbergplatz.de Seite.

Sie fürchten um die Gefühle ihrer Miteinwohner. Das kann ich gut verstehen; dann machen Sie sich unabhängig von der Politik, übernehmen Sie zivilgesellschaftliche Verantwortung. Das ist eine Bereicherung unserer Demokratie und nicht ihre Infragestellung.

Eine auf der Hand liegende Reaktion aus der Ratssitzung wäre es, den Platz symbolisch zu benennen und sich nicht weiter auf das politische Durcheinander einzulassen. Gerne biete ich Ihnen meine Unterstützung mit Informationen an, das kriegen wir hin. Manchmal muss man die Politik zu ihrem Glück tragen.

Zum Punkt der gebührenden Sachlichkeit wäre noch zu bemerken, dass man vlt. Gelegenheiten bieten sollte, sich über jene Zeit und über das, was da an uns nachfolgende Generation weitergegeben wurde austauschen zu können. Miteinander sprechen, einander zuhören.

Dazu gäbe es durchaus hervorragende Expertise im Ort, wie z.B. Gunda Manke. Die früher als VHS- Leiterin Veranstaltungen zur NS-Zeit organisiert hat, damals in Kooperation mit Heinrich Bomhoff und Karl Sandvoß.

Bis dahin kann man seine Solidarität durch die schöne Idee der Familie Schlichting-Nelson mit der Familie Lindenberg deutlich machen, mit dem Hinweisschild „Zum Lindenbergplatz“ in ihrem Schaufenster. So wie es damals NS-Plakate an den Fenstern in BV gegeben hat, wo draufstand „Juden raus“, oder Ähnliches.

Das mit der emotionalen Sachlichkeit finde ich gut.

Klaus-Peter Klauner, Brühl


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Syker Kurier/Weser Kurier ab 15.7.2021

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Syker Kurier vom 15.7.2021, Sarah Essing:

CDU und SPD brauchen mehr Zeit für Entscheidung

Der Jugend- und Sozialausschuss des Fleckens Bruchhausen-Vilsen lehnt den Antrag der Grünen auf Umbenennung in Lindenbergplatz ab.

Bruchhausen-Vilsen. Emotional ging es am Dienstagabend in der Mensa des Schulzentrums Bruchhausen-Vilsen zu. Nicht, weil es die erste Sitzung des Flecken-Ausschusses für Jugend und Soziales in diesem Jahr war, auch wenn Ausschussvorsitzende Nicole Reuter (Die Grünen) darauf hinwies. Vielmehr lag dies an dem Tagesordnungspunkt, zu dem sich zahlreiche interessierte Bürger eingefunden hatten: die Benennung des Lindenbergplatzes mit eben diesem Namen.

Nachdem der Brokser Rat im vergangenen Jahr die Benennung des Platzes in Höhe der Bahnhofstraße 53 zurückgenommen hatte, lag nun ein Antrag der Grünen vor, diesen Platz stattdessen nach den ursprünglichen Bewohnern zu benennen: der Familie Lindenberg. Die jüdische Familie war dort rund 150 Jahre lang ansässig ehe sie in der NS-Zeit vertrieben wurden, führte Bernd Schneider (Die Grünen) bei der Vorstellung des Antrags seiner Fraktion aus.

Er verwies auf das Projekt des Gymnasiums Bruchhausen-Vilsen zur Verlegung von Stolpersteinen in Höhe des Hauses, das die Politik vor einer erneuten Benennung des Platzes hatte abwarten wollen. Dies sei nun geschehen. Der Benennung des Platzes in Lindenbergplatz stehe nach Ansicht seiner Fraktion daher nunmehr nichts im Wege. Es sei vielmehr eine gute Gelegenheit dieses Projekt „abzurunden“, ehe der Flecken, die Politik und die Bürger sich weiteren Aufgaben in dieser Richtung widmen – wie etwa die Errichtung eines neuen Mahnmals für die Opfer der NS-Zeit. „Nun könnte – und sollte – man die Benennung in Angriff nehmen“, lautete sein Appell an seine Ausschusskollegen.

Doch das sahen die Mitglieder von CDU und SPD anders. Claudia Staiger (CDU) betonte, es sei zwar richtig, diesen Teil der Brokser Geschichte aufzuarbeiten, aber das sei noch nicht geschehen. Sie finde es zudem nicht richtig, angesichts der zahlreichen Opfer der NS-Zeit, eine Familie „exemplarisch herauszustellen“. Das sei übereilt. Auch Reinhard Thöle von der SPD sagte „wir sehen die Zeit noch nicht reif“. Weitere Informationen seien erforderlich, die zusammengetragen werden müssten, um auf dieser Basis eine Entscheidung treffen zu können. Seine Fraktion befürworte daher die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die sich intensiv mit diesem Thema auseinandersetzt und an der Errichtung eines zentralen Mahnmals arbeitet. Dem Vorwurf einer „Verschleppung“ dieses Themas widersprach er, das Gegenteil sei der Fall. Auch die Politik müsse Gelegenheit bekommen, sich damit intensiv auseinanderzusetzen. Sonst sei zu befürchten, dass nach einer Benennung des Platzes keine Aufarbeitung mehr stattfinde. An dieser Stelle wurden erste Unmutsbekundungen aus dem Publikum hörbar. „Ein Armutszeugnis!“, schimpfte einer der Besucher.

Auch Schneider konnte dieser Argumentation nicht folgen. Nicht nur die Schüler hätten zahlreiche Informationen zusammengetragen, auch Mitglieder der Familie Lindenberg, Heimatforscher und zahlreiche engagierte Bürger seien seit Jahren damit beschäftigt, die Geschichte des Fleckens in der NS-Zeit und der ehemaligen jüdischen Mitbürger zu erforschen und zu dokumentieren. Der Hintergrund, allein für die Stolpersteine, sei „gut recherchiert“, wie man auf der dazu gehörigen Internetseite www.stolpersteine-brv.org sehen könnte. „Diese Aktivitäten kann man doch nicht einfach ignorieren“, sagte Schneider. Die Benennung des Platzes nach der Familie Lindenberg sei „eine kleine Tat, die vielleicht einen großen symbolischen Wert bekommen könnte.“ Sie sei kein Abschluss oder Ende der Aufarbeitung sondern vielmehr nur der Anfang. Dafür gab es aus dem Publikum spontanen Applaus.

Doch auch damit konnte er die weiteren Ausschussmitglieder nicht überzeugen. Martina Claes (SPD) bekräftigte die Forderung der SPD nach einer Arbeitsgruppe. Die Shoa, die millionenfache Ermordung von Juden, sei ein zu abscheuliches, singuläres Verbrechen gewesen, als dass man diese Entscheidung vorschnell fällen sollte. Das Thema stünde immerhin das erste Mal auf der Tagesordnung des Ausschusses. Mit sechs Nein-Stimmen, einer Enthaltung bei zwei Ja-Stimmen wurde der Antrag der Grünen abgelehnt. Die folgende Einwohnerfragestunde nutzten die zahlreichen Anwesenden als Gelegenheit ihrem Unmut darüber Luft zu machen.

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Kommentar

Syker Kurier vom 15.7.2021, Kommentar von Sarah Essing:

 

Mangelnder Wille

Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe.“ Das wurde in dieser Ausschusssitzung für Jugend und Soziales einmal mehr deutlich. Wer im 21. Jahrhundert mehr über die Geschichte und das Schicksal von Juden in Nazi-Deutschland wissen muss, um zu entscheiden, ob ein kleiner Platz in einem kleinen Ort wie Bruchhausen-Vilsen nach einer dort über 150 Jahre ansässigen jüdischen Familie benannt werden könnte, sollte, dürfte, der offenbart entweder immense Bildungslücken – oder will es einfach nicht. Ja, Martina Claes hat recht, der Holocaust und die millionenfache Ermordung von Menschen ist und war eine abscheuliche, grauenhafte Tat und in ihrer Größe einzigartig. Die Deutschen und die Bundesrepublik wurden und werden dafür zu Recht von der Völkergemeinschaft zur Verantwortung gezogen. Doch dass wir bereit sind, uns dieser Verantwortung zu stellen, sie anzunehmen und zu tragen, hat zu einem nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen, dass wir heute wieder Ansehen und Respekt in der Welt genießen. Mehr als uns manchmal bewusst ist.

Was aber passiert, wenn diese Bereitschaft, auch in die „dunklen Ecken zu blicken“, wie der britische Kunsthistoriker Neil MacGregor es einmal ausdrückte, versiegt? Das kann man heute leider wieder allzu häufig sehen. In Hanau. In Halle. In Berlin. In Hamburg. Antisemitische Schmierereien, Angriffe auf Kippa-Träger, Verwüstungen jüdischer Friedhöfe nehmen wieder zu – in Deutschland, im 21. Jahrhundert. Angefeuert werden diese Taten von Menschen, darunter auch Mandatsträger im Bundestag, die lauthals danach schreien, die dunklen Flecken doch bitteschön nicht mehr so auszuleuchten, wäre jetzt ja nun wirklich mal gut mit der Sache.

Ist es angesichts dessen wirklich zu viel verlangt, mit einer simplen Geste wie der Umbenennung eines kleinen Platzes eine Familie zu würdigen, die jahrhundertelang Nachbar, Geschäftspartner, Freund war?

Sarah Essing


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Weserkurier vom 15.7.2021, Antonia Blome:

Fleckenrat lehnt Platzbenennung ab

Der Antrag der Grünen, einen Platz in Bruchhausen-Vilsen nach einer jüdischen Familie zu benennen, wurde am Mittwoch auch im Fleckenrat abgelehnt. Diese Entscheidung stößt abermals auf Unverständnis.

Bruchhausen-Vilsen. Ein vorläufiges Ende fand am Mittwochabend die Diskussion um die Benennung des Platzes in Höhe der Bahnhofstraße 53 in Bruchhausen-Vilsen. Der Fleckenrat lehnte den Antrag der Grünen ab, den Platz nach der jüdischen Familie Lindenberg zu benennen, die dort rund 150 Jahre lang gelebt hatte, ehe der nationalsozialistische Terror sie vertrieb. Nachdem zahlreiche interessierte Bürger bereits am Dienstag nach der Ablehnung des Antrags im Jugend- und Sozialausschuss ihren Unmut lautstark bekundet hatten (wir berichteten), startete auch der Fleckenrat mit einer kritischen Stimme aus dem Publikum.

Peter Schmidt-Bormann von der Geschichtswerkstatt des Verkehrs- und Verschönerungsvereins (VVV) ist das Argument, dass die "Faktenlage zu dünn" sei, unverständlich. Wer sich wirklich für dieses Thema interessiere, hätte in den 14 Monaten auch Zeit gehabt, ausreichend zu recherchieren und Fakten zu sammeln. "Die Erforschung ist abgeschlossen und die Tatsache, dass die Familie Lindenberg dort gelebt hat, ist klar", sagte er. Der Umgang sei ein "Affront" gegen die, die sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt hätten. Gemeinsam mit Angehörigen der Familie Lindenberg und Ulrike Meyer recherchierten Schüler des Gymnasiums in Bruchhausen-Vilsen die Schicksale jüdischer Familien in der NS-Zeit.

Zu einem bewussten Umgang mit der Vergangenheit rief Bernd Schneider (Grüne) auf. Laut ihm hat sich die Synagoge in Hoya im Juli des vergangenen Jahres in einem Brief an die Ratsmitglieder gewandt. Dabei hätten sie einen Irrtum klargestellt und darauf hingewiesen, dass sie nicht davon abraten würden, Einrichtungen nach einzelnen Personen zu benennen. Die Neubenennung sei ganz im Gegenteil eine Möglichkeit, die Familie Lindenberg zu würdigen. Laut dem Ratsmitglied hat die Gegenseite keine ernsthaften Argumente gegen den Vorschlag. Emotional zeigte sich Werner Pankalla (CDU): "Wir sollten vernünftig sein und uns für den Namen Lindenbergplatz entscheiden", rief er die Ratsmitglieder vehement auf. "Wie lang wollt ihr das noch hinausschieben?"

Laut Willy Immor (CDU) fordert allerdings die Mehrheit der Christdemokraten statt einer Neubenennung die Errichtung einer Gedenkstätte, die alle Opfer gleichermaßen berücksichtigt. Eine differenzierte Meinung äußerte Hermann Hamann (SPD): Er lehnt, wie er sagte, eine neue Namensgebung nicht grundsätzlich ab. "Allerdings würdigen wir damit nur eine Familie und nicht alle Betroffenen", warf er ein. Ein Großteil der Familie Lindenberg habe die NS-Zeit überlebt. Dagegen sei die Familie Hanau aus Bruchhausen-Vilsen vollständig ausgelöscht worden. Hamann warf die Frage in den Raum, ob diese Menschen nicht eher gewürdigt werden sollten. "Die Vehemenz, mit der die Namensgebung gestern verfolgt wurde, hat mich irritiert", bemängelte er darüber hinaus. Eine Arbeitsgemeinschaft zur Aufarbeitung der jüdischen Geschichte soll laut Reinhard Thöle (SPD) bis zur Verwaltungsausschuss-Sitzung am 11. August eingerichtet werden.


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 Leserinnenbrief

Weserkurier vom 17.7.2021

 

Die Zeit ist überreif

Ungläubig musste ich in den vergangenen Tagen die Zeitung lesen – mit der Berichterstattung zur Entscheidung des Flecken-Ausschusses für Jugend und Soziales und der Entscheidung des Fleckenrates zur Umbenennung des ehemaligen „Bullenkampplatzes“ in „Lindenbergplatz“. Ein Jahr hatte die Politik Zeit, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Und ja, das geht auch in Corona-Zeiten. Selbst hier auf dem Land mit teilweise schlechter Netzversorgung sind Online-Meetings möglich. Und wer das partout nicht will oder nicht kann, der kann via Telefon an einer Besprechung teilnehmen. Man hätte von Seiten der Politik also durchaus genug Zeit gehabt, sich mit der Platzbenennung zu befassen. Das Argument, die Zeit sei „noch nicht reif“ gilt nicht. Ganz im Gegenteil: Die Zeit ist überreif! Schüler des hiesigen Gymnasiums und viele engagierte Bürger haben sich seit Jahren mit der Thematik befasst. Dass die Politik nun keine Entscheidung fällen konnte, ist ein Schlag ins Gesicht all dieser Menschen. Die nächste Wahl steht im September an. Ich weiß jetzt jedenfalls, wen ich nicht wählen werde.

Karin Neukirchen-Stratmann,
Bruchhausen-Vilsen

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Leserbrief

Weserkurier vom 17.7.2021

 

Abstruse Ansichten

CDU und SPD blieben bei ihrer anfänglichen Ablehnung des Antrags der Grünen für einen „Lindenbergplatz“. Eine für viele beschämende Ausschuss- und Ratssitzung, begründet durch die ablehnenden Erklärungen der Politiker von CDU und SPD. Im überwältigenden Kontrast dazu eine große Unterstützung durch die Befürworter im Publikum, die nicht mit Kritik zurückgehalten haben. Das ist die gute Nachricht. Das Gedenken und Erinnern an die jüdischen Bewohner Vilsens ist lebendig geworden und durch kein Polit-Geschacher mehr wegzudenken oder auszugrenzen. Peter und Vera Henze haben mit ihrem politischen Statement die Veranstaltung auf ihre Weise belebt.

Reinhard Thöle, Fraktionsvorsitzender der SPD, verkündete im Ausschuss und Rat, die Informationslage sei nicht hinreichend für einen Lindenbergplatz, erst müsse eine Arbeitsgruppe gegründet werden. Damit sollen Bürger, Unterstützer und Nachfahren der jüdischen Familien von der SPD wohl für dumm verkauft werden. Bürgermeister Lars Bierfischer (SPD) hat die Unterlagen der Nachforschungen zu den jüdischen Familien von Ulrike Meyer schon vor zwei Jahren erhalten. Die Befürchtung von Herrn Thöle, dass nach einer Platzbenennung keine Aufarbeitung mehr stattfinden würde, macht einen sprachlos. Und das ist wohl auch die Absicht solch abstruser Ansichten. Damit wäre die Familie Lindenberg zumindest dem Namen nach wieder ins Ortsleben integriert, vielleicht ist das ja die größte Befürchtung. Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Klaus-Peter Klauner, Brühl

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Syker Kurier vom 26.7.2021, Antonia Blome:


Platzbenennung: SPD-Fraktion will Befragung

Diskussion über Platzbenennung

Bruchhausen-Vilsen. In den beiden jüngsten Sitzungen im Flecken Bruchhausen-Vilsen ging es in Bezug auf die Benennung des Platzes an der Bahnhofstraße 53 hoch her (wir berichteten). „Es hatte den Anschein, dass die Meinungen der SPD-Fraktion und der antragstellenden Grünen-Fraktion weit auseinander liegen“, teilt Martina Claes von der SPD-Fraktion in einer Stellungnahme mit. Dem sei allerdings nicht so. Der markanteste Unterschied sei, dass die SPD einen anderen Weg favorisiere.

Die Frage nach der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ist Claes zufolge in der jüngsten Diskussion auf die Umbenennung des Platzes reduziert worden. „Diese Zuspitzung ist aus Fraktionssicht zu eng gefasst und wird der Größe und Wichtigkeit des Themas nicht gerecht“, sagt sie. Eine mögliche Gedenkstätte tauchte laut der Sozialdemokratin nur noch am Rande auf. Die SPD-Fraktion vertritt ihr zufolge die Meinung, dass die jüdische Geschichte in Bruchhausen-Vilsen aufgearbeitet werden muss. Dazu sollen die vorhandenen und mögliche weitere Recherche-Ergebnisse in einer Dokumentation zusammengeführt und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden.

„Aufgrund von vielen Beschimpfungen und Beleidigungen ist das Thema nun so überhitzt, dass die SPD-Fraktion im Flecken aktuell kaum eine Chance für eine sachliche und zielorientierte Diskussion sieht“, so Claes. Sicherlich spiele auch der Wahlkampf eine Rolle. Um den im vergangenen November beschlossenen Weg weiterzugehen und möglichst viele Meinungen einzubinden, favorisiert die Fraktion eine Einwohnerbefragung, die im Herbst stattfinden könnte.

Claes verweist in der Stellungnahme auch auf das Zitat des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier von seiner jüngsten Reise nach Israel: „An den Holocaust zu erinnern, Antisemitismus zu bekämpfen und an der Seite Israels zu stehen, all das darf für Deutschland, für uns Deutsche niemals zum leeren Ritual werden.“ Das sollte laut der Sozialdemokratin auch für alle Einwohner in Bruchhausen-Vilsen gelten.

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Leserbrief

Syker Kurier vom 28.7.2021

Leserbrief zu „Platzbenennung: SPD-Fraktion will Befragung“. Weserkurier vom 26.7.21:

Mir scheint, die SPD inszeniert hier ein Scheingefecht. Allein nur von ihr hat man bisher gehört, dass „die Frage nach der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der jüngsten Diskussion auf die Umbenennung des Platzes reduziert würde“. Das wird zu einem SPD-Mantra. Niemand wird doch wohl ernsthaft behaupten können, dass die Grünen kein Interesse an weiterer Aufarbeitung hätten. Na gut, bliebe die CDU.

Ein weiterer hilfloser Versuch, die Platzbenennung zu diskreditieren ist es, wenn in dem Zusammenhang Steinmeier zitiert wird: " An den Holocaust zu erinnern, Antisemitismus zu bekämpfen und an der Seite Israels zu stehen, all das darf für Deutschland, für uns Deutsche niemals zum leeren Ritual werden.“

Frau Claes aus der SPD-Ratsfraktion, möchte den Antrag der Grünen für einen Lindenbergplatz zum leeren Ritual erklären, und lehnt selber die Benennung des Platzes für die jüdische Familie ab. Wieviel Skrupel hatte sie bei der Zustimmung der SPD zum vorherigen Platznamen, für einen Nutznießer aus der Arisierungszeit? Holocaust und Antisemitismus waren da keine Kategorien der Überlegungen?

Eine durchsichtige Aktion, die Entscheidung um einen Lindenbergplatz hinter den Wahltermin zu bringen. Politisches Geschacher vor historischer und moralischer Verantwortung.

Klaus-Peter Klauner, Brühl

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Leserbrief

Syker Kurier vom 28.7.2021:


Es geht noch schlimmer

Lachen kann wohl niemand mehr über die beschämende Posse um die Benennung „Lindenbergplatz“, die im Rat des Fleckens Bruchhausen-Vilsen neuen Höhepunkten zustrebt. Die Mehrheit der Damen und Herren des Gremiums begnügen sich nicht mehr damit, sich selbst nach Strich und Faden zu blamieren. Es kommt noch schlimmer. Der Rat stellt sich selbst infrage und kneift vor der Entscheidung. Eine Volksbefragung soll her.

Davor kann aber nur gewarnt werden. Die Erfahrung lehrt: Der Aufwand ist groß, der Rücklauf gering und die Auswertung kann zur bösen Überraschung werden. Denn die Mehrheit der Bevölkerung ist in Sachen Geschichte ungebildet und uninteressiert. Und an die dunklen Flecken im eigenen Dorf möchte kaum wer erinnert werden.

Gefragt wäre hier ein Bürgermeister mit Rückgrat, der Christ- und Sozialdemokraten deutlich macht: „Ihr habt Euch in eine Position gebracht, in der ihr nur noch verlieren könnt. Egal, wie ihr denkt – rettet der Kommune bitte einen Rest von Würde und beschließt endlich die Benennung ‚Lindenbergplatz‘. Und dann lasst uns hoffen, dass der unwürdige Widerstand wider das Vergessen möglichst bald vergessen wird.“

Hans-Jürgen Wachholz,

Bruchhausen-Vilsen

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Leserkommentar

Syker Kurier vom 27.7.2021:

Wer zu spät kommt . . .

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Dieser Spruch von Erich Kästner ist zum geflügelten Wort geworden, wie auch der Spruch von Gorbatschow am Ende dieses Textes. Die „schweigende Mehrheit“, die mit der Schuld unserer Vorfahren proaktiv umgehen und dazu Verantwortung übernehmen möchte, äußert sich zunehmend. Das hilft, das moralische Gleichgewicht in Bruchhausen-Vilsen zu halten, das die politischen Parteien gerade bereit sind, mit politischem Geschacher zu verspielen. Der Antrag der Grünen auf einen Lindenbergplatz ist mehrheitlich abgelehnt worden.

Wenn hinter vorgehaltener Hand gesagt wird: „Von draußen lassen wir uns nichts sagen“, dann fragt man sich, warum bei diesen offensichtlich zahlreichen Erkenntnissen von innen, zu denen auch die Archivare mit Parteibuch SPD beigetragen haben, sie nicht bereits vor zwei Jahren selber auf den Lindenbergplatz gekommen sind? Aber selbst heute, nach der gut recherchierten veröffentlichten Stolperstein-Internetseite, reichen ihnen diese Erkenntnisse offensichtlich nicht. Ein Willy Brandt würde sich im Grabe umdrehen, in dessen Erfahrung und Tradition von Verfolgung, Widerstand und Verantwortungsübernahme die SPD in Bruchhausen-Vilsen im Augenblick weniger zu stehen scheint.

Damals, in den 1930er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts, waren die Repressalien groß, wenn man Widerspruch formulierte – heute gehört das (manchmal viel zu wenig) zu einer demokratischen Auseinandersetzung. Die Ausschuss- und Ratssitzungen am 13. und 14. Juli waren eine Sternstunde in Sachen zivilpolitischem Engagement. So etwas habe ich persönlich bisher nur selten erlebt, davor ziehe ich meinen Hut. Nur muss diese Widerspruchsenergie jetzt genutzt werden, um deutlich zu machen, es ist für uns nicht „der Platz vor Bullenkamp“, sondern der „Lindenbergplatz vor dem Stammhaus der Lindenbergs“. Auf diesen Teil der Geschichte sind wir stolz, in einer solch jüdisch-christlichen Tradition zu stehen.

Der Bullenkampplatz stand für eine unheilvolle Vergangenheit in Bruchhausen-Vilsen, der Lindenbergplatz steht für einen Neuanfang, „und fördert den Ruf des Fleckens und Luftkurortes Bruchhausen-Vilsen als aufgeklärte Gemeinde“ (Jürgen Schütt). Vielleicht sollten jetzt auch mal die „Altvorderen“, wie Peter Schmitz, der lange Jahre beliebter Bürgermeister (SPD) im Ort war, den Jungen Orientierung geben und hilfreich zur Seite stehen. Und eine ehemals beliebte jüdische Familie Lindenberg und deren Verdienste um den Ort mit einem Platznamen ehren, womit die Familie gleichzeitig aus dem Opferstatus entlassen würde.

Die abstruse Befürchtung von Reinhard Thöle, Fraktionsvorsitzender der SPD, dass nach einer Platzbenennung keine Aufarbeitung mehr stattfinden würde, ist bestimmt unbegründet, da zumindest die SPD ein Auge darauf haben wird.

Liebe SPD, nehmt den Platz ein, der euch aus der Geschichte gebührt, geht vorwärts und überzeugt eure Wähler von dieser Chance, damit sich der letzte Spruch in diesem Text nicht bewahrheitet: Wer zu spät kommt...

Klaus-Peter Klauner, Brühl