"Örtliche, historische und moralische Zurechtfindung"

7. April 1945

Das Kriegsende im Raum Bruchhausen-Vilsen

Anfang April 1945: Die Front rückt heran

Von Heinrich Niemeyer

Im Herbst 1944 war der Krieg nach Deutschland, von dem er ausgelöst worden war, zurückgekehrt. Britische Truppen überwanden Ende März 1945 den Rhein, stießen am Ruhrgebiet vorbei über den Teutoburger Wald und das Wiehengebirge vor und legten am späten Abend des 6. April in Groß Lessen bei Sulingen einige Ruhestunden ein. Das Ziel war, schnell einen Weserübergang in die Hand zu bekommen. Mit diesem Auftrag hatte das 1. Royal Tank Regiment, begleitet von Infanterie, bereits am frühen Morgen des 7. April über Graue und Bücken die Stadtgrenze Hoyas erreicht, als nach dem Rückzug der deutschen Verteidiger auf das Ostufer die Weserbrücke gesprengt wurde.
Nun erhielten die Panzer des 8. Husarenregiments den Auftrag, über Vilsen, Süstedt, Gödestorf und Emtinghausen die Weserübergänge bei Groß Huthbergen und Uesen in die Hand zu bekommen. Das Regiment nahm bei seinem Vorstoß zwei Wege, der Hauptteil mit schweren Panzern über Mellinghausen, Asendorf und die B6, ein anderer über Schwaförden in Richtung Bruchhausen-Vilsen. Doch zunächst die eigenen Erlebnisse des Verfassers.


Ruhestörung
Es klopft an meine Tür! Noch halb im Schlaf hörte ich die Frau meines Meisters rufen: “Heini, du musst glieks upstahn, de Engländer kamt! Pack man flink diene Saken, de du mitkriegen kannst, un föhr man ehrstmal na Hus!" Ich überlegte ob ich nicht träumte. Dann gehorcht, aber:
Total still war es draußen. Noch tiefdunkle Nacht. Nach Hause fahren war immer eine gute Sache, wenn da nicht die heranrückenden Engländer gewesen wären. Meine besten Sachen waren bald auf dem Fahrrad verstaut und nach dem gegenseitigen Wunsch “Denn willt wi ehrstmal hoffen, dat wi allns goot överstaht“ hin ich dann in aller Frühe des 5. April 1945 in Richtung Engeln geradelt. Auf der Hauptstraße Asendorfs, damals noch Reichsstraße 6, traf ich weder einen Menschen noch ein Fahrzeug. Nur auf dem ersten Stück der Straße nach Hohenmoor begegnete mir ein einsamer Wehrmacht-Lkw. Man spürte aber an der Straßenoberfläche, dass vor kurzem eine große Anzahl von Fahrzeugen durchgefahren war, denn die schon zahlreichen Schlaglöcher hatten sich beträchtlich vermehrt.

Im Ortsteil „Musenborg" kam aus der aufkommenden Dämmerung ein Radfahrer auf mich zu, in dem ich meinen Kollegen Jan T., ebenso wie ich Tischlerlehrling in Asendorf, erkannte. „He! Wo wullt du denn all hen, hebbt se di rutsmeten?" war seine Frage. Dieses konnte ich ihm bestätigen, erklärte aber auch den Grund meiner frühen Reise. „Un wat driwt di all so froh up’e Strate?“ fragte ich zurück. „lk mutt na Hoya, to’r Musterung - un du seggst nu, de Engländer kamt! Dat is jo woll een Kram!" Jan T., zwar in der zweiten Hälfte des Jahres 1929 geboren, war aber mit mir, geboren im Mai 1930, konfirmiert worden. „Denn seh man to, dat se di man nich glieks in Uniform stäkt!"‚ mit diesen Worten habe ich mich von dem nun recht nachdenklichen Jan verabschiedet. Ich traf noch einen Schulkollegen, Heini M. aus Hohenmoor, der sich aus demselben Grund auf dem Weg nach Hoya befand.
Vorsorge
Nach einer knappen Stunde erreichte ich mein Elternhaus in Engeln. Unsere Haustür war noch geschlossen, ich mußte meine Eltern wecken und brachte sie mit dem Anlaß meines frühen Erscheinens gehörig in Unruhe. Nun wurde erst einmal Kriegsrat gehalten. Meine Schwester, die Wegen der Fliegerangriffe schon vor etwa zwei Jahren mit ihren Kindern zu uns gezogen war, meinte, der letzte Wehrmachtbericht habe noch von Kämpfen im Raum Osnabrück berichtet, und so schnell könnten die Engländer doch wohl nicht hier sein.
„Wenn de Osnabrück seggt hebbt, denn sünd de Tommys viellicht aber ok all in Deefholt oder noch nöger", war Vaters Meinung. Nun wurde eine alte Mehlkiste mit den wertvollsten Dingen gefüllt und im Schuppen vergraben. Dabei schreckte uns das bekannte Motorengeräusch alliierter Bomber auf, dem kurz darauf aus östlicher Richtung das Wummem einschlagender Bomben folgte. Vater vermutete richtig einen Angriff auf den Fliegerhorst Hoya.

Sinnlose Opfer

In Vaters Werkstatt war noch viel zu tun, waren doch am Abend des zweiten Ostertages in unserer Nachbarschaft durch die Bomben eines einzelnen feindlichen Flugzeugs vier Menschen, darunter auch eine Verwandte, die mit ihrem Kleinkind vor den Bomben aus Hannover geflohen war, umgekommen und hierfür die Särge anzufertigen. Die verleimten Bretter mußten per Hand gehobelt werden, denn der Strom Für die Hebelmaschine war „aus kriegswirtschaftlichen Gründen" wieder einmal abgestellt. Zusammen mit Vaters Schwager haben wir diese traurige Arbeit geschafft. Am nächsten Tag war die Beisetzung auf dem Vilser Friedhof. Der Trauerzug mußte sich wegen der bei sichtigem Wetter ständig über den Straßen lauernden Tiefflieger auf Feldwegen dorthin bewegen. Zur Trauerfeier war in vollem Ornat auch der Ortsgruppenleiter der NSDAP erschienen. Seine Rede soll aber von laut vernehmbarem Murren vieler Trauergäste begleitet worden sein.

Brotsorgen

Der folgende Freitag zeigte sich nebelverhangen, auch blieb es den ganzen Tag über bedeckt. Ich bekam am Nachmittag den Auftrag, beim Bäcker im Nachbardorf Affinghausen zu versuchen, noch ein Brot zu bekommen. Meine Eltern waren Teilselbstversorger; weil zu unserem Grundstück kein Backofen gehörte, bezogen wir Brot gegen entsprechende Lebensmittelmarken vom Bäcker. Wegen des Vorrückens der Briten befürchtete Vater einen längeren Mangel. ln Affinghausen hatte ich aber Glück und bekam ein zehnpfündiges Schwarzbrot. Der abkürzende Feldweg durch Hache war schlimm zerfahren, deshalb nahm ich den Rückweg über die Straße Sulingen-Verden. Ich mußte oft anhalten, weil lange Militärkolonnen sich nach Osten zurückzogen. An einer Hofeinfahrt bemerkte ich einen großen offenen „Kübelwagen", bei dem einige Soldaten, mit Stahlhelm bedeckt und auf der Brust mit einem blanken Metallschild, herumstanden. Zwischen den Wehrmachtfahrzeugen kam nun ein etwas eigenartiges Gefährt daher, ein „ziviles” Leichtmotorrad mit zwei Landsern darauf. Die Stahlhelmträger entdeckten sie sofort und winkten sie heraus. Der Fahrer hatte das Motorrad auf dem Hof abzustellen, und beide, von den Feldgendarmen flankiert, bestiegen den Kübelwagen, der in Richtung Bruchhausen-Vilsen davonbrauste. Ich muß oft an die beiden Soldaten denken; ob sie wohl am nächsten Tag die Sonne haben aufgeben sehen?

Eine lange Tour am Tag X

Der Samstagmorgen, hell und freundlich, sah mich schon gegen 6 Uhr mit dem Fahrrad auf der Straße nach Vilsen, nochmals nach Brot zum dortigen Bäcker W. geschickt. Ziemlich hoch in der Luft war ein Flugzeug zu vernehmen, wohl ein feindlicher Aufklärer. Kurz vor der Kreuzung mit der B 6 waren deutsche Soldaten mit dem Stellungsbau für 2 cm-Flakgeschütze beschäftigt. Hier sollte es wohl ernst werden. Später stellte sich heraus, daß für die „Panzeranklopfgeräte", wie die Soldaten sie nannten, der englische Vormarsch etwas zu plötzlich kam, denn aus dieser Stellung wurde kein Schuß abgegeben.

An fast allen Häusern hingen weiße Tücher

Auch in Vilsen befanden sich viele deutsche Soldaten. Vor der Tür des Bäckerladens kamen mir mein Schulkamerad Heinrich K. und unsere Nachbarn Erna M. und Heinrich H., bereits mit ihrem Einkauf fertig, entgegen. Letzterer, als Bewacher der russischen Kriegsgefangenen im Nachbardorf, in voller Uniform, mit umgehängtem Gewehr. Beide haben es aber gerade noch geschafft, ohne “Feindberührung“ nach Hause zu kommen.
Heinrich K. erzählte mir nun, vor der Gaststätte Wohlers-Meyer stehe ein Sturmgeschütz, und machte mich dadurch neugierig. Obwohl wir von den Eltern die Order erhalten hatten, auf schnellstem Wege zurückzukommen, überredete ich meinen Kameraden, nach dem Einkauf mit mir dieses Kriegsgerät anzusehen. Dann radelten wir gemütlich bergan in Richtung Engeln.

Den Vilser Berg hatten wir geschafft, nun ging es etwas bergab über einen flachen Sattel, dem wieder eine leichte Steigung folgte. Ein Doppelposten ließ uns ohne Anruf passieren. Wir hatten kaum die Kuppe der nächsten Steigung erreicht, als uns, zugleich mit einem zwitschernden Gepfeife, das Rattern eines Maschinengewehres erschreckte.
Wie man es uns beigebracht hatte, ließen wir uns seitlich vom Rad kippen und lagen zunächst einmal sehr flach im Gras des Seitenstreifens. Nach einigen Minuten schwangen wir uns wieder auf die Räder.
Wir kamen nur etwa 50 Meter weiter, als die nächste Salve einsetzte. Gerade zur Seite gewandt, sah ich die Geschosse in kleinen Staubwölkchen in den angrenzenden Acker einschlagen. Wieder volle Deckung! Einige Meter vor uns deutete aufgeworfene Erde im Seitenraum auf ein Deckungsloch hin, das vom Volkssturm angelegt worden war. Im Schutz der gewölbten Fahrbahn robbten wir dorthin und ließen uns hineinfallen. Dann war es wieder still. Ich schob vorsichtig meine Mütze über den Rand. Niemand schoss darauf.
Für den Fall einer Begegnung mit britischen Soldaten verscharrten wir eine Anstecknadel der HJ und etwas Kleinkram ans den Hosentaschen und waren so erst einmal "entnazifiziert".
Ich sah gerade vorsichtig über den Rand unseres Loches, als nach dem entfernten Abschussknall in der Nähe der Gaststätte Fahlenkamp eine Dreckfontäne hochstieg. Dies, verbunden mit dem Krach des Einschlags, ließ keinen Zweifel mehr zu: Wir waren in den Vormarsch britischer Truppen geraten. Nun blieb uns wohl nichts anderes, als darauf zu warten, dass uns irgendein „Tommy” aus dem Loch holte.
Zurück nach Vilsen
Wir hockten schon etwa eineinhalb Stunden in unserer Höhle, als wir aus Richtung Vilsen das Getrappel von Nagelstiefeln und einiges Reden vernahmen. Ein vorsichtiger Blick ließ uns staunen, kam doch, hinter den Schutzschild geduckt, ein Trupp deutscher Soldaten mit einem 2 cm Zwillingsflakgeschütz auf uns zu. Wir riefen sie an, und die Soldaten, ebenso verblüfft wie wir, sahen zwei kaum den kurzen Hosen entwachsene Kerlchen in einem Deckungsloch.
Der Geschützführer, ein älterer Feldwebel, schrie uns an: „Mann, wer hat euch denn hierher geschickt?" Er nahm wohl an, wir wären ein Vorposten des Volkssturms. Nach kurzem Bericht brachte uns der Feldwebel mit den Worten: „Macht bloß, dass ihr verschwindet! Wenn die uns entdecken, ist hier gleich der Teufel los!" sehr schnell aus dem Loch und in robbende Bewegung. Unsere Fahrräder blieben liegen. Nach etwa 200 Metern fühlten wir uns sicher, jetzt hoch und laufen!
Total außer Atem kamen wir vor dem Haus von Dr. Schrader in Vilsen an. Hier hielten sich zahlreiche Soldaten auf, mit denen der Doktor laut schimpfte: „Könnt Ihr euch nicht woanders versammeln? Ich bin hier der einzige Arzt und werde vielleicht noch sehr benötigt. Wozu habe ich sonst wohl die Rot-Kreuz-Fahne am Dach?“
Vor uns - mittlerweile war noch Marga H. aus Engeln zu uns gestoßen - stand noch immer das Problem: Wie kommen wir ungefährdet nach Hause?
Hinter den Häusern, am Friedhof entlang und durch den Bürgerpark verließen wir im Eilmarsch Vilsen und kamen über den Homfelder Berg an das Gehöft Eickhorst. Hier trafen wir auf den Homfelder Volkssturm, der nach einer Beratung bald zum Wald hin verschwand, wohl, um die Panzerfäuste abzulegen.
Bei einem der Gehöfte trafen wir auf Fritz K., einen Mitkonfirmanden. Er wollte wissen, wie wir an seinen abgelegenen Wohnplatz kämen. Während die anderen weitergingen und ich ihm berichtete, erfüllte plötzlich ein häßliches Heulen die Luft. Das waren bestimmt Granaten! lch wurde von Fritz eilig ins Haus mitgerissen; wir stolperten in den Keller, wo sich bereits die übrige Familie aufhielt. In rascher Folge heulten die Granaten aus einer Stellung bei Arbste über uns hinweg. Der Richtung nach beschossen die Engländer Vilsen.
Endlich gab es draußen Ruhe. Wir verließen vorsichtig den Keller. Am letzten Gehöft der Reihe kamen zwei deutsche Soldaten aus dem nahen Wald. Sie wollten Zivilkleidung von den Bauersleuten, da der Krieg ohnehin bald zu Ende sei. Die Soldaten rieten mir, vor meinem weiteren Gang vorsorglich ein weißes Tuch an den Arm zu binden und vor den Engländern auf keinen Fall wegzulaufen.

„Gefangener” der Engländer
Beim Gehöft Ruröde kamen sie plötzlich auf mich zu, in Khaki, Baskenmütze und mit dem Gewehr unter dem Arm. Sie sprachen mich an, ich verstand kein Wort und wurde erst einmal von dem einen gründlich abgetastet, während der andere mit dem Gewehr im Anschlag aufpaßte. Dann wurde mir bedeutet, mitzukommen.
Auf Rurödes Hof trafen wir den Gehilfen an, der die gleiche Prozedur über sich ergehen lassen mußte wie ich. Mutter Ruröde trat in die große Tür, sehr erschrocken, mit dem Stoßseufzer: ”Nu sünd se woll dor!" Einer der Soldaten wandte sich gleich an sie. In seiner Rede kam immer wieder das  Wort „Eggs" vor. „Wat möögt de denn woll blos mit`n Äxten will`n?“ fragte mich Mutter Ruröde, aber ich verstand das fremde Wort auch nicht besser. Dann aber kam einem der Engländer ein Gedanke.
Er hockte sich hin und fing wie ein Huhn an zu gackern. Nun verstand ich den Wunsch: Die Tommys wollten Eier. Mutter Ruröde war sehr erIeichtert: „Wenn se blos Eier hebben willt, dorvon hebbt wi jo genog, de nimmt us nu sonst jo ok keener mehr af. Den Soldaten wurden die Baskenmützen gefüllt, und ich dachte bei der jetzt recht freundlichen Stimmung, daß ich nun wohl in Frieden weiterziehen könne.
Aber daraus wurde vorläufig nichts. Man bedeutete mir wieder mitzukommen. Es ging querfeldein über die Kleinbahngleise auf die B 6 zu. Beide Engländer trugen vorsichtig ihre Mützen. Mir kam der Gedanke, einfach davonzurennen; bis die ihre Eierbehälter abgesetzt hätten, wäre ich ein gutes Stück weit weg. Aber es gab kaum Deckung, und die “Schießprügel“ der beiden nötigten mir so viel Respekt ab, daß ich doch lieber brav mitging. Bei einem der an der B 6 stehenden Lastwagen hielten wir an, und die Eier wurden unter munterer Rede im Verpflegungsfach verstaut. Niemand kümmerte sich weiter um mich. So machte ich mich flotten Schrittes, ohne mich umzusehen, auf den Weg zu meiner Schwester, die nur einige hundert Meter entfernt an der B 6 wohnte.
Ein guter Rat
Ich mußte ja auch versuchen, mein Fahrrad, das seit unserem jähen Halt am frühen Morgen an der Straße nach Vilsen lag, wiederzubekommen. Auf dem Hof meiner Schwester stand mit freudigem Gesicht Josef, ein polnischer Zivilarbeiter, der mich begrüßte: „Heim! Krieg nun bald vorbei!" Meine Schwester hingegen war ziemlich in Sorge: „Alle Oogenblicke kummt eener und fragt na Waffen, un wi hebbt doch gor keene - un hoffentlich geiht dat ulle Scheeten hier nich nochmal los!"

Im Seitenraum der B 6 hielt eine lange Reihe schwerer Panzer. Ich wollte zu meinem Rad und folge einem Weg zwischen Scholen und Vilsen. An einer Kreuzung stand ein englischer Schützenpanzer, dessen Besatzung eifrig funkte. Ein „Tommy" fragte nach meinem Ziel. Ich habe ihm vor allem in Zeichensprache mein Vorhaben erklärt, und er ließ mich gehen. An der Westspitze des Vilser Holzes, wo mehrere Panzer und Sanitätswagen standen, rief mich ein Sanitätssoldat in reinem Hochdeutsch an. Er riet mir ab, das Fahrrad zu holen, da Vilsen noch nicht eingenommen sei. Mehrfach wurde ich von Posten angehalten. Auf meine Bitte hin stellte Josef mein Rad sicher; mein Vater holte es ein paar Tage später gegen eine Flasche Schnaps und eine Handvoll Zigarren ab.

Heimkehr

Auf dem letzten Stück meines Weges durch Scholen blieb ich unbehelligt. An fast allen Häusern hingen weiße Tücher, mit denen die Leute zeigten, daß sie vom Krieg die Nase voll hatten.
Als gegen 17 Uhr unser Haus in Sicht kam, sah ich meine Schwester mir entgegenkommen. Obwohl ich ihr fast wie Hans im Glück entgegentrat, war sie doch sehr erleichtert. Waren doch vor allem meine Eltern sehr in Sorge wegen meines langen Fortbleibens, denn es ging schon das Gerücht
um, man hätte bei Vilsen noch die Hitlerjungen mit Panzerfäusten in die Deckungslöcher gesteckt. Später wurde bekannt, daß Bruchhauser Jungen in einen Bunker nahe dem Forsthaus Heiligenberg zur Verteidigung kommandiert worden waren. (Der Führer war Lehrer Lü., ein verbissener Nazi und als die Mütter der Jungen kamen, um ihre Söhne dort wegzuholen, hat er ihnen mit der Waffe gedroht. KPK) Dort harrten sie bis zum Abend aus, während ihr „Führer" sich längst davongemacht hatte.
Vielleicht war es die allerhöchste Instanz, die in diesem Krieg meinen Eltern den letzten von vier Söhnen erhalten wollte und darum dem Schützen des - so vermute ich - englischen Panzerspähwagens  ein wenig das Visier verschoben hat. Es hätte an diesem schönen Frühlingsmorgen auch anders ausgehen können. Dann Würde vielleicht an meiner Stelle jemand anderer über ein trauriges Erlebnis an diesem 7. April 1945 berichtet haben.


Engeln im April 1996, Heinrich Niemeyer.

Erschienen in der "Dorfzeitung" Engeln 2005, zur Verfügung gestellt von Eugen Füner, herzlichen Dank.


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History of the VIII Kings Royal Irish Hussars
The third volume 1927 - 1958 by Olivia Fitzroy

with a foreword by H. R H. The Duke of Edinburgh Liverpool 1961

Kopien aus dem Imp. War Museum, London 516. 316
43 1 16 (Classification) (accession number)

von Dr. Fritz Garvens, Riede

Übersetzt von Bernhard Niemeyer 4. Februar 1996


Am späten Nachmittag des 4. April 1945 befanden sich die englischen Vorausabteilungen südlich der Ortschaft Laggenbeck bei Ibbenbühren vor der nördlich verlaufenden Bahnlinie Rheine – Osnabrück. In der folgenden Nacht nahm die Truppenbewegung einen sehr schlimmen Verlauf. Eine, aus der >C< Schwadron und der >B< Kompanie der 1/5 Queens in Kangaroos (Infanterie in Schützenpanzern) zusammengesetzte Einheit unter Befehl von Major Firth wurde vorausgeschickt. Der Vormarsch begann um 19.00 Uhr entlang einer kurvenreichen Landstraße, sodass der Trupp nur sehr schleppend vorankam. Hinzu kam eine pechschwarze Nacht, es machte nicht gerade Spaß zu fahren, dazu noch ohne Licht.

Es lief jedoch noch alles nach Plan bis etwa 22.30 Uhr, als der Stoßtrupp der >C< Schwadron an die Eisenbahnbrücke von Laggenbeck herankam. Dort hielt der Feind eine Stellung entlang der Nordseite der Bahnlinie und eröffnete das Feuer mit Infanterie und Panzerabwehrwaffen. Leutnant Pims Panzer wurde getroffen und Leutnant Pim schwer verwundet. Fahrer und Bordschütze konnten jedoch die Fahrt fortsetzen, fuhren über die Eisenbahnbrücke und verschwanden in der Dunkelheit.

Die >Queens< begannen nun, die Häuser an der Südseite der Bahn zu stürmen. Nach Abschluß dieser Operation wurde ein Trupp losgeschickt, um Leutnant Pims Panzer, der mittlerweile stehengeblieben war, zu bergen. Der Trupp wurde sofort vom Feind unter Beschuß genommen. Hierbei sind sieben britische Soldaten gefallen. Die Situation war verzwickt. Nach der Gefangennahme von zwei feindlichen Soldaten wurde das Feuer im Morgengrauen eingestellt. Im Betracht der Schwierigkeiten und auch wegen der engen, kurvenreichen Landstraße war eine weitere Truppenbewegung nicht möglich. Der Regimentsstab, der >Recce< Trupp und die >B< Schwadron schlossen auf und bezogen Stellung auf den Anhöhen südlich von Laggenbeck. Die >A< Einheit verblieb in Ledde, welches in dieser Nacht zwar eingenommen wurde, aber Major Lilleys Einheit war nur schleppend voran gekommen und erhielt den Befehl, ebenfalls auf den südlichen Anhöhen bei Laggenbeck Stellung zu nehmen.

Bei dem Unternehmen der vergangenen Nacht handelte es sich keineswegs um eine erfolgreiche Militäroperation. Ein nächtlicher Vormarsch an einem nicht erkundeten und unübersichtlichen Frontabschnitt war als ein unsinniges Kriegsmanöver anzusehen. Die Verluste in dieser Nacht betrugen zwei Vermisste, zwölf Verwundete, davon acht Infanteristen der >Queens< und Leutnant Pim sowie ein Panzer. Es gab zwar keinen Schlaf mehr in dieser Nacht, aber auch keine weiteren Vorkommnisse. Im Morgengrauen des 5. April stürmten die >C< Einheit und die >Queens< erfolgreich den Nordteil Laggenbecks, und stießen zu Leutnant Gould mit der >4.< Einheit an der Straßenkreuzung, an der sie den Feind vor einiger Zeit angegriffen hatten. So wurde die Front um Ibbenbüren von Offizierskadetten gehalten im wahrsten Sinne tapfere Kämpfer. Pims Panzer wurde aufgefunden, jedoch keine Spur von der Besatzung. Ein deutscher Gefangener sagte aus, daß Lt. Pim ein Bein verloren hätte und in ein ziviles Krankenhaus irgendwo nordwärts gebracht worden sei. Später wurde bekannt, daß Pim am 8. April in einem Lazarett bei Ibbenbüren gestorben war.

Gegen Mittag brach das Regiment das Gefecht ab und marschierte in östlicher Richtung nach Haien, unterstützt von den 1/5 >Queens< Einheit, welcher den Versorgungstrupp unterstützte, angegriffen. Sergeant Manning, der Führer des Trupps, fand hierbei den Tod. Nach einem dringend benötigten Schlaf setzte sich das Regiment am frühen Morgen des 6. April wieder in Bewegung. Wegen der Eingliederung in die 22. Brigade als Reserveeinheit war es für das Regiment ein ruhiger Tag. Die Einheiten stießen von zwei Seiten aus vorwärts; die >1. Royal< Panzer auf der rechten, die >5. Royal< Panzer, denen unsere Einheit folgte, auf der linken Seite. Sie kamen zwischen Osnabrück und Bramsche über Engter, Venne, Hunteburg und Dielingen voran. In Dielingen wurde die Einheit >B< zur Verstärkung der Stellung Diepholz vorausgeschickt. Die >Kings Royal< folgte nach in Richtung Rehden, bis sie schließlich nach einem langen Tag in Groß Lessen bei Sulingen ankam.

Am 6. April trat erstmals die deutsche Luftwaffe offensiv in Erscheinung, als vier Messerschmidt das Truppenende angriffen, zu Glück ohne nennenswerten Schaden außer ein paar Matratzen und einem eroberten Funkgerät auf Major Huths Panzer, die von den Maschinengewehren getroffen wurden. Auf der Landstraße stieß die Truppe auf einige beim Rückzug der Deutschen entkommene russische, polnische, französische und belgische Kriegsgefangene.

Die uns zugeteilte >G< Batterie wurde gegen die >K< Batterie von der >Royal Horse Artillery< unter Major G. Armitage ausgetauscht. Am 6. April war das Marschziel der Division erreicht. Der Stoß in nordöstlicher Richtung zur Einnahme der Weserbrücken in Hoya und Verden (Groß Hutbergen) vor deren Zerstörung durch die deutsche Nachhut stand nun bevor.

Auf, zur Weser !

Der Wettlauf zu den Weserbrücken wurde von den 8. Husaren und den >l/5 Queens< in den ersten Stunden des 7. April 1945 mit der Einheit >A< an der Spitze begonnen. Der Vorstoß verlief so geschwind, daß die Truppe meinte, Bremen viel schneller als vorgesehen, einnehmen zu können. Die Einheiten stießen zunächst auf keinen Widerstand außer einzelnen Heckenschützen, bis sie eine Straßenkreuzung erreichten, wo ein Panzer (P.-Spähwagen?) der Abteilung >A< vom Feuer eines Panzerabwehrgeschützes außer Gefecht wurde.

Es gab aber zum Glück nur einen Verletzten, den Gefreiten Goosens. An dieser Stelle machte die Einheit 100 Gefangene und erbeutete 6 Flakgeschütze vom Kaliber 22 mm. Ohne Verzögerung setzte das Regiment seinen Vormarsch über sandige Wege entlang eines Gehölzes (Vilser Holz?) fort, wurde aber vor der Ortschaft Vilsen erneut aufgehalten. Hier kam es zu verstärkten Gefechten, woraufhin die Geschütze der >K -Battery< eine Weile in den Ort feuerten (... a number of rounds into the village).

Während der Angriff zur Einnahme des Ortes geplant wurde, telefonierten Einwohner des Ortes zum Haus an der Kreuzung (damals Gasthaus Kreuzkrug?) und ließen bestellen, sie wären bestrebt, ihren Ort ohne weiteren Kampf zu übergeben. Die Einheit >A 1/5 Queens< und 2 Panzertrupps erhielten Befehl, den Ort einzunehmen. Während dieses Angriffs wurde Leutnant Gadsby verwundet.

Gegen Mittag war der Ort Vilsen eingenommen. Brigadier Wingfield von der 22. Brigade besuchte das Hauptquartier des Regiments und befahl den 8. Husaren, nun die Weserbrücke bei Achim in unversehrtem Zustand einzunehmen. Die >C< Enheit hatte die Stoßgruppe zusammen mit einer Einheit der >1/5 Queens< zu übernehmen und bewegte sich über Süstedt, Heiligenfelde, Gödestorf und Emtinghausen in Richtung Thedinghausen, während die Einheit >B< über die damalige Reichsstraße 6 in Heiligenfelde einrücken sollte, um danach der >C< Einheit zu folgen.

Der Vormarsch begann am frühen Nachmittag. In der Gegend um Gödestorf gab es geringen Widerstand; dieser wurde gebrochen und der Angriff stieß auf Emtinghausen vor, wo größere Kampfhandlungen stattfanden. Als die >B< Einheit ankam, wurde befohlen, die Angriffe in südöstlicher und in nordwestlicher Richtung fortzusetzen. In dieser Richtung stieß man auf größere feindliche Abwehr.